Mit vereinten Kräften entwickeln Scania und MAN eine neue Motorengeneration, die künftig in schweren Nutzfahrzeugen der beiden Marken eingesetzt wird. Durch intensive Zusammenarbeit und Vertrauen im Projektteam entsteht ein Antrieb, der nicht nur hinsichtlich der Emissionen, sondern auch der Effizienz eine neue Bestmarke setzen soll.

Text: Mathias Heerwagen

Symbolbild CBE1

CBE1 steht für Common Base Engine 1, eine gemeinsame Motorenplattform von MAN und Scania.

Ein leichter Öl- und Dieselgeruch liegt in der Luft, im langen Gang dröhnt es dumpf. Rechts und links reiht sich ein Dutzend doppelflügeliger Stahltüren aneinander. Hinter jeder Tür befindet sich ein Prüfstand, auf dem ein Teil der Zukunft von Scania und MAN läuft: ein 13-Liter-Motor, den beide Partner gemeinsam von Grund auf neu entwickelt haben.

Eine Stunde zuvor, zwei Stockwerke weiter oben in der Scania-Zentrale in Södertälje. Magnus Henrikson, Chef-Ingenieur, wählt seine Worte sorgfältig, um keine technischen Details preiszugeben. Noch ist es zu früh dafür. Zu wichtig ist das Produkt, an dem er und sein Team von 120 Ingenieuren seit mehreren Jahren arbeiten. Es geht um nichts weniger als „den besten Nutzfahrzeugmotor, den wir je gebaut haben“, sagt Henrikson. Wenn er „wir“ sagt, meint er Scania und MAN.

Bereits 2012 hatte Scania begonnen, eine völlig neue Motorengeneration zu entwickeln, die von Anfang an auch auf den Betrieb mit alternativen Kraftstoffen ausgelegt war. Künftige Emissionsvorschriften und die steigenden Kundenanforderungen hinsichtlich sinkender Lebenszykluskosten ließen sich mit der bestehenden Plattform kaum mehr erfüllen. Und um einen Lkw zu verkaufen, muss man das beste Produkt bieten, mit dem der Betreiber Geld verdienen kann.

120
Ingenieure stark ist das Team, das seit mehreren Jahren an der neuen Motorenplattform arbeitet.

MAN ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht an Bord. Im Zuge der Kooperation beider Unternehmen gibt es 2014 erste Gespräche, in denen die Grundzüge einer Zusammenarbeitet ausgelotet werden. Das Projekt „Common Base Engine 1 (CBE1)“, eine gemeinsame Motorenplattform von Scania und MAN, kommt ins Rollen. „Es war anfangs nicht leicht“, erinnert sich Magnus Henrikson, und so wie er es sagt, glaubt man ihm sofort. Zunächst gibt es immer wieder Vorbehalte. Jetzt geht es darum, zusammenzuwachsen und Vertrauen aufzubauen.

Vertrauen ist der Schlüssel zum Erfolg

Auf die Gespräche folgen Workshops mit Ingenieuren aus beiden Unternehmen. „Die waren essentiell für eine erfolgreiche Zusammenarbeit“, sagt Florian Kraft. Der deutsche Ingenieur nimmt damals als Vertreter von MAN an den Workshops teil und fällt durch seine positive Einstellung und konstruktive Herangehensweise auf. Magnus Henrikson erinnert sich: „Es war bald klar, dass wir Ingenieure von MAN vor Ort in Schweden brauchen. Und ich wollte Florian bei uns haben.“ Seit 2015 pendelt Kraft wöchentlich nach Schweden und unterstützt vor Ort.

2016 folgt eine große Konzeptbesprechung. „Das war rückblickend der Durchbruch, ab dem gegenseitiges Vertrauen da war“, sagt Henrikson. Im gleichen Jahr zieht Florian Kraft mit seiner Familie nach Schweden, um von nun an dauerhaft vor Ort zu arbeiten. In Deutschland ist er als Teamleiter für die Entwicklung der Grundmotoren-Standards verantwortlich, in Södertälje bildet er das Bindeglied zwischen den Entwicklungsabteilungen von MAN und Scania. „Man kann nicht in Nürnberg sitzen, Kontakt zu Scania halten und an das Management in München berichten, wenn man nicht direkt am Entwicklungsprozess beteiligt ist“, erklärt Kraft. Man müsse vor Ort sein, verstehen, worum es geht, und den Überblick über das Gesamtprojekt behalten.

Magnus Henrikson und Florian Kraft beim prüfen eines Bauteils.

Motorenentwickler unter sich: Magnus Henrikson (links) und Florian Kraft prüfen ein Bauteil für den Ansaugtrakt.

„Wenn so viele erfahrene Ingenieure aus zwei Unternehmen zusammen­arbeiten, sich gegenseitig helfen und voneinander lernen, dann entwickelt man einfach einen sehr guten Motor.“
Florian Kraft
Ingenieur bei MAN

Fokus auf Expertenwissen

Die Umstellung auf Scanias Unternehmenskultur fällt leicht: „Bei einer Besprechung haben sich alle mit Vornamen vorgestellt, und nach zwei Stunden wusste ich noch immer nicht, wer der Chef ist“, erinnert sich der Ingenieur. Ein auf Expertenwissen fokussierter statt hierarchischer Entscheidungsprozess zeichnet Scania aus. Entsprechend werden Entscheidungen gefällt: „Anfangs ist es vielleicht ein längerer Prozess, aber am Ende steht die Sache fest“, sagt Kraft.

Jedes Unternehmen hat seine eigene Kultur, die es zu verstehen und zu respektieren gilt. Und wieder braucht es Vertrauen, damit die Partner die Projektziele erreichen: In diesem Fall, um den besten Motor seiner Klasse zu bauen. Denn bei aller Arbeit, die die TRATON GROUP in neue, elektrische Antriebsformen investiert, ist es auch wichtig, im Segment der schweren Nutzfahrzeuge – das durch ein hohes Volumen gekennzeichnet ist – den effizientesten Verbrennungsmotor anbieten zu können, der heute möglich ist.

Zwei sich unterhaltende Herren.

Offener Dialog: Jedes Unternehmen hat seine eigene Kultur, die es zu verstehen und zu respektieren gilt.

Gemeinsam stärker als allein

Um das zu erreichen, bündeln die beiden Partner ihre Kräfte in Form von Entwicklungskompetenz und Budget. „Die CBE1-Entwicklung ist ganz sicher das bestgeprüfte Projekt meiner bisherigen Laufbahn“, sagt Kraft nicht ohne Stolz. „Wenn so viele erfahrene Ingenieure aus zwei Unternehmen zusammenarbeiten, sich gegenseitig helfen und voneinander lernen, dann entwickelt man einfach einen sehr guten Motor.“

Das mag auch daran liegen, dass praktisch jedes Einzelteil des Motors völlig neu konstruiert wurde. „Der Gedanke war: Wir haben ein neues Produkt, das in hohen Stückzahlen für lange Zeit in beiden Unternehmen bleibt – lasst uns keine Kompromisse eingehen“, berichtet Florian Kraft. Auch finanziell lohnt sich die Neuentwicklung: Da Scania bei den Zulieferern aufgrund der hohen Stückzahlen Skaleneffekte nutzt, werden künftig an Materialkosten und Entwicklungskosten wesentliche Einsparungen erzielt. Doch zunächst sind Investitionen nötig: „Die Maschinen für die Herstellung der Motorenteile sind sehr teuer. Eine neue Montagelinie ist dagegen vergleichsweise günstig“, berichtet Magnus Henrikson.

2012
hat Scania begonnen, eine völlig neue Motorengeneration zu entwickeln, die von Anfang an auch auf den Betrieb mit alternativen Kraftstoffen ausgelegt war.

Und wofür das alles? Für den Kunden. Im Nutzfahrzeuggeschäft kommt es auf Zuverlässigkeit an, auf geringen Kraftstoffverbrauch und guten Service. Beide Marken bieten das. „Die Lkw von Scania und MAN werden auch weiterhin klar als solche erkennbar sein“, verspricht Henrikson. Schließlich kaufen die Kunden keinen Motor, sondern den Lkw als Gesamtprodukt.

Zum Schluss erlaubt Magnus Henrikson doch noch einen Blick ins Allerheiligste. In der Prototypen-Montagewerkstatt zeigt er einen Einzylinder-Versuchsmotor, an dem Scania Verbrennungsvorgänge untersucht. Unmittelbar daneben stehen einige weitere, äußerst interessante Prototypen. Alles streng geheim. Aber eines ist sicher: Scania und MAN haben in den kommenden Jahren noch einige Überraschungen zu bieten.