Die Marken der TRATON GROUP haben bereits viele Initiativen für mehr Nachhaltigkeit umgesetzt. Helga Würtele unterstützt als Head of Sustainability das Thema auch auf Holding-Ebene weiter voranzutreiben. Von Södertälje aus koordiniert die gebürtige Münchnerin den Austausch von Wissen und beflügelt so neue strategische Ansätze und kreative Ideen.

Text: Laurin Paschek

Frau Würtele, welche Bedeutung hat das Thema Nachhaltigkeit für Sie persönlich?

Helga Würtele: Ich bin sehr naturverbunden und gerne unter freiem Himmel unterwegs, zum Beispiel beim Skifahren, auf dem Mountainbike oder im Kanu. Ich finde, dass wir Menschen die Natur auf nachhaltige Weise nutzen sollten. Wir sollten mit ihr deswegen so respektvoll wie möglich umgehen.

Gilt das in ähnlicher Weise für Unternehmen? Wie würden Sie die übergreifende Strategie der TRATON GROUP in Sachen Nachhaltigkeit beschreiben?

Wir bei TRATON sind davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit und verantwortungsvolles Handeln im Einklang mit ethischen Standards die Grundlagen unserer Geschäftstätigkeit sein müssen. Um dieses Ziel etwas konkreter zu fassen, haben wir uns den Sustainable Development Goals – den SDG – der Vereinten Nationen verpflichtet. Dabei geht es nicht nur um Umwelt- und Klimaziele, sondern wir wollen auch Verantwortung übernehmen für die Menschen selbst, also Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Partner und die Gesellschaft insgesamt.
„Wir wollen auch Verantwortung übernehmen für die Menschen selbst, also Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Partner und die Gesellschaft insgesamt.“
Helga Würtele
Head of Sustainability bei TRATON

Warum wollen Sie das Thema Nachhaltigkeit zur Grundlage der Geschäftstätigkeit machen?

Dafür gibt es ganz handfeste Gründe. Sowohl unsere Kunden als auch der Kapitalmarkt schauen inzwischen vor einer Kauf- oder Investitionsentscheidung sehr genau darauf, unter welchen Bedingungen ein Produkt hergestellt oder ein Geschäftsmodell entwickelt wurde. Wir wollen Investoren für unser Unternehmen begeistern, und dafür brauchen wir die gewünschte Transparenz in den Bereichen ESG – E für Environmental, S für Social und G für Governance. Die ESG-Ratings sind ein hilfreicher Kompass, um zu sehen, wo wir als Unternehmen stehen und wo wir besser werden können. Nicht zuletzt steigert ein sinnstiftendes Handeln auch die Attraktivität der TRATON GROUP als Arbeitgeber. Gerade die jüngere Generation gibt Unternehmen den Vorzug, die sich sozial engagieren.

Haben Sie sich deswegen auch als Gruppe der Initiative UN Global Compact für nachhaltige und verantwortungsvolle Unternehmens­führung angeschlossen?

So ist es. Unsere Marken Scania und MAN sind ja bereits seit vielen Jahren in der Initiative aktiv. Mit dem Beitritt verpflichten wir uns nun auch als Gruppe den zehn Prinzipien der Initiative, die sich unter anderem mit Menschenrechten, Arbeitsnormen, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung befassen. Wir versprechen uns von dem großen Netzwerk mit mehr als 12.000 Unternehmen aus 160 Ländern aber auch ganz einfach neue Impulse und Best-Practice-Beispiele.
Steuer eines Transporters.
Anderson Soares.

Die Fotos von Helga Würtele sind im Besucherzentrum von Scania im schwedischen Södertälje entstanden. Dort können sich Besucher über den Wandel der Transportbranche informieren.

„Sowohl unsere Kunden als auch der Kapitalmarkt schauen inzwischen sehr genau darauf, unter welchen Bedingungen ein Produkt hergestellt wurde.“
Helga Würtele
Head of Sustainability bei TRATON

In welchem Verhältnis stehen dabei die einzelnen Marken und die TRATON GROUP als Ganzes zueinander?

In den Marken Scania, MAN, Volkswagen Caminhões e Ônibus und Navistar ist das Thema Nachhaltigkeit schon seit vielen Jahren verankert. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass alle Marken bereits vollelektrisch angetriebene, alltagstaugliche Nutzfahrzeuge entwickelt haben. Jede Einzelne legt dabei ihre Maßnahmen, Methoden und Prioritäten erst einmal individuell und eigenständig fest. Die TRATON GROUP ist das übergreifende Dach, unter dem sich die Marken dann gemeinsam austauschen. Dieser Wissenstransfer wird uns dabei helfen, die Transformation der Transportindustrie noch schneller voranzutreiben und gemeinsam zukunftsfähige Komponenten, Systeme und Produkte zu entwickeln.

Was haben die Kunden der TRATON GROUP davon?

Ein wesentliches Kriterium bei der Kaufentscheidung für ein Nutzfahrzeug sind die Lebenszykluskosten, die Total Cost of Ownership, kurz TCO. Dazu gehören nicht nur die Anschaffungskosten, sondern auch die Lohnkosten für den Fahrer, die Aufwände für Reparaturen und Wartungen und natürlich die Kraftstoffkosten. Wir gehen davon aus, dass vollelektrifizierte Flotten auf mittlere Sicht in der TCO-Betrachtung günstiger sein werden als konventionelle, dieselbetriebene Fuhrparks. Dafür gibt es allerdings einige Voraussetzungen, allen voran eine funktionsfähige und flächendeckende Ladeinfrastruktur für Nutzfahrzeuge. Gerade dieser Punkt zeigt, dass wir zusätzlich zur dezentralen Kompetenz unserer Marken den übergreifenden Austausch und das gemeinsame Auftreten als Gruppe brauchen – auch gegenüber Politik und Gesellschaft.
12.000
Unternehmen aus 160 Ländern umfasst das Netzwerk der Initiative UN Global Compact, zu dem auch die TRATON Group gehört.

Was sind eigene, markenübergreifenden Schwerpunktthemen, die Sie bislang für die Gruppe identifiziert haben?

Ein besonders wichtiges Thema ist die Reduktion der CO2-Emissionen bis hin zur Klimaneutralität Mitte dieses Jahrhunderts. Das stellt für die TRATON GROUP sowie für die Transportbranche insgesamt eine große Herausforderung dar. Dabei sind unsere Marken in den einzelnen Geltungsbereichen der unternehmensbezogenen Treibhausgasemissionen unterschiedlich weit vorangeschritten. Das ist aber kein Nachteil, denn so können wir im übergreifenden Austausch besonders gut voneinander lernen. Weitere Schwerpunktthemen sehen wir in der Entwicklung einer Kreislaufwirtschaft und der weiteren Förderung von Pluralismus und Inklusion. Organisatorisch setzen und diskutieren wir diese Themen im TRATON Sustainability Board und in vielen Arbeitsgruppen, die sowohl im persönlichen Austausch als auch digital stattfinden.

Welche Vorteile bieten sich den einzelnen Marken durch die gemeinsame, gruppenweite Arbeit für mehr Nachhaltigkeit?

Durch den Wissenstransfer kann jede Marke auf die Erfahrungen und die Expertise der Gruppe und der anderen Marken zurückgreifen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Einführung der Science Based Targets zur Reduktion der Treibhausgasemissionen auf wissenschaftlicher Grundlage. Gruppenweit hat sich Scania als erste Marke dieser Initiative angeschlossen. Jetzt folgt MAN und kann dabei vom Austausch mit den Kollegen der Schwestermarke profitieren. Ein weiteres Beispiel ist die Wesentlichkeitsanalyse, mit der wir 2021 herausfanden, welchen Einfluss wir als Gruppe auf die SDG der Vereinten Nationen haben und wie wir – und damit auch die Marken – zu einem nachhaltigen und verantwortungsvollen Unternehmen werden. Als Ergebnis haben wir markenübergreifende Schwerpunktthemen gesetzt und daraus gemeinsame Strategien und Maßnahmen abgeleitet. Diesen Weg werden wir 2022 entschlossen weitergehen.

Helga Würtele


Head of Sustainability TRATON GROUP

Helga Würtele ist seit 2015 bei der TRATON GROUP – der damaligen Volkswagen Truck & Bus – tätig, seit Mai 2021 mit Fokus auf dem Bereich Nachhaltigkeit.

Die Betriebswirtin begann 2008 bei der MAN SE und verantwortete Positionen in den Bereichen Investor Relations, Controlling und Corporate Finance. Davor arbeitete sie zehn Jahre lang für Banken in den Bereichen Equity und Debt Capital Markets.

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