„Remanufacturing, zu Deutsch ,Wiederaufbereitung‘, ist ganz einfach“, sagt Vanessa Reinarz. „Wir nehmen die alten, defekten Teile zurück, reinigen sie, ersetzen die kritischen Komponenten und geben ihnen ein zweites Leben.“ 

Was zunächst einfach klingt, ist in der Praxis weitaus schwieriger. Noch komplexer ist es, aus Remanufacturing eine konzernweite Geschäftsstrategie für vier Marken auf drei Kontinenten zu entwickeln. Aber genau das macht Reinarz. Als Head of Product Management Genuine Parts bei MAN Truck & Bus war sie bereits eng in die Weiterentwicklung des Remanufacturing eingebunden und hat den Ausbau der Produktlinie zu einem zentralen kommerziellen Angebot aktiv unterstützt. Jetzt, als Leiterin der TRATON GROUP-Initiative „Reman and Beyond“, geht sie noch einen Schritt weiter: Sie will nicht nur MANs Ecoline-Sortiment ausbauen, sondern kreislauforientiertes Denken in die DNA des gesamten Konzerns einweben. 

Die Ergebnisse sind bereits greifbar. MAN Remanufacturing produziert heute Schwungräder für Scania und das zu geringeren Kosten als der bisherige externe Lieferant. Regelmäßig kommt ein markenübergreifendes Team aus Ingenieuren, Logistikspezialisten und Produktmanagern bei MAN zusammen, um das nächste Bauteil zu finden, das ein zweites Leben erhalten kann. 

Sie sind seit mehr als zehn Jahren bei MAN. Wie sind Sie zum Unternehmen gekommen und schließlich zu diesem Geschäftsfeld? 

Ich kam 2014 zu MAN, nachdem ich für ein internationales Unternehmen in der Schweiz gearbeitet hatte. Davor war ich in verschiedenen Rollen bei zwei Automobilherstellern tätig, wo ich umfangreiche Aftermarket-Erfahrung gesammelt habe. Bei MAN habe ich zunächst im Aftermarket-Controlling mit einem starken Fokus auf Daten und Analysen gearbeitet. 

Ich fand es großartig, zu meinen Wurzeln in der Automobilindustrie und nach München zurückzukehren – und ins Geschäft mit schweren Nutzfahrzeugen einzusteigen. Ein für mich völlig neues Feld. Der starke B2B-Fokus war besonders reizvoll und einer der wichtigsten Gründe, bei MAN anzufangen. 

Der spätere Wechsel ins Produktmanagement öffnete mir dann die Tür zu den Themen Remanufacturing und Nachhaltigkeit. 

Für jemanden, der mit dem Thema nicht vertraut ist: Was ist der Wert von Remanufacturing? 

Anstatt ein völlig neues Bauteil zu produzieren, nehmen wir das alte Teil zurück – von Kunden oder Werkstätten – reinigen es, ersetzen kritische Komponenten und geben ihm ein zweites Leben mit einer Qualität, als wäre es neu. 
Dadurch sparen wir Rohstoffe, Energie und Emissionen und bieten gleichzeitig ein zuverlässiges Produkt, das für den Kunden den gleichen Wert hat wie ein neues. 

Kann das wiederaufbereitete Bauteil sogar besser sein als ein neues? 

Ja. Weil alle zurückgesandten defekten Komponenten systematisch analysiert werden, können wir wiederkehrende Fehlermuster erkennen. Diese Erkenntnisse fließen direkt in den Remanufacturing-Prozess ein. Infolgedessen werden die Komponenten gezielt verbessert – zum Beispiel, indem wir einen Kunststoff-O-Ring durch einen langlebigeren aus Aluminium ersetzen. In solchen Fällen sind wiederaufbereitete Teile robuster und halten unter Umständen sogar länger als das Original. 

Aufbereitete Motorenkomponenten bei MAN
Aufbereitete Motorenkomponenten bei MAN

Was macht Remanufacturing zu einem starken Geschäftsfeld für Kunden und für MAN? 

Neben dem Nachhaltigkeitsaspekt bietet es eine preislich attraktive Alternative. Ein wiederaufbereitetes Teil kann bis zu 30 % günstiger sein als ein neues – bei gleicher Garantie und Qualität. Für Kunden mit älteren Fahrzeugen kann das einen entscheidenden Unterschied machen. Wenn ein Motor kaputtgeht, steht die Wahl manchmal zwischen dem Kauf eines neuen Lkw oder dem Einsatz eines wiederaufbereiteten Motors. Wenn wir einen Reman-Motor anbieten, der zum Fahrzeugwert passt, fällt die Entscheidung leicht und der Lkw bleibt auf der Straße. 

Sie leiten jetzt eine konzernweite Initiative für Remanufacturing über die TRATON-Marken hinweg. Was ist die Ambition dahinter? 

Das Ziel ist es, Remanufacturing über den gesamten Konzern zu skalieren und neue kreislauforientierte Dienstleistungen zu erschließen. Wir nennen es „Reman and Beyond“. Wir wollen Kapazitäten, Ressourcen und Wissen aller Marken bündeln, um etwas Größeres aufzubauen und unseren Kunden ein wirklich wettbewerbsfähiges Angebot zu machen. 
Es geht darum, das Geschäft auszubauen, gleichzeitig die Ressourcennutzung zu entkoppeln und TRATON als nachhaltigen Anbieter von Remanufacturing- und Kreislauflösungen zu positionieren. 

Wie funktioniert diese Zusammenarbeit in der Praxis? 

Wir haben vor etwa zwei Jahren damit begonnen, uns regelmäßig zu treffen und unser Wissen auszutauschen. Heute arbeiten wir in strukturierten Projekt-Sprints mit wöchentlichen Sitzungen und dedizierten Arbeitspaketen. 
Jedes Arbeitspaket hat Vertreter aller Marken: MAN, Scania, International und Volkswagen Truck & Bus (VWTB) – aus den Bereichen Vertrieb, Produktion, Logistik, Einkauf und Entwicklung. 
Und was erstaunlich ist, ist das Engagement aller Teilnehmer, weil jedem bewusst ist, wie man sowohl aus Markenperspektive als auch auf TRATON-Ebene wachsen und voneinander lernen kann. 

Können Sie ein Beispiel nennen? 

Während eines gemeinsamen Workshops in unserer ReMAN Werk in Nürnberg fragte jemand von Scania, ob MAN bestimmte Schwungräder für sie aufbereiten könne. Wir sagten ja, und heute bearbeitet MAN diese Schwungräder zu geringeren Kosten als der bisherige Lieferant. Das ist eine echte Win-Win-Situation und eines der ersten konkreten Ergebnisse der Zusammenarbeit. 

Und wir lernen auch von Scania: Die Kollegen haben zum Beispiel große Erfahrung im Demontieren kompletter Fahrzeuge und in der Rückführung von Komponenten in den Remanufacturing-Prozess. 

Wie fügen sich die anderen TRATON-Marken in diesen Austausch ein? 

International hat mehr als 60 Jahre Erfahrung und das größte Reman-Portfolio im Konzern, daher können wir viel von ihren Prozessen lernen. VWTB ist neuer im Remanufacturing und sehr interessiert an unseren Methoden, Produkten und Lieferanten. Jede Marke trägt auf unterschiedliche Weise dazu bei – sei es durch physische Fähigkeiten, Prozesse oder gemeinsame Lieferantenstrategien. 

Was motiviert Sie persönlich, Kreislaufwirtschaft und Remanufacturing voranzutreiben? 

Für mich ist es die Kombination aus Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Wirkung. Remanufacturing zeigt, dass Kreislaufwirtschaft kein Kompromiss ist. Es ist ein Wettbewerbsvorteil. Es senkt Emissionen, spart Ressourcen, schafft Kundennutzen und bringt dem Unternehmen Gewinn. Diese Kombination motiviert mich. 

Was ist Ihre Vision für das Remanufacturing bei MAN und innerhalb der TRATON GROUP? 

Meine Vision ist, dass Remanufacturing und andere Kreislaufdienstleistungen vollständig in unsere Strategien und Roadmaps integriert sind. Dass es nicht als Option gesehen wird, sondern als bewusste Entscheidung. Ich stelle mir dafür eine konzernweite Lösung vor, bei der alle vier Marken teilnehmen, in die gleiche Richtung schauen und einer gemeinsamen Roadmap folgen. Nur so können wir das Geschäft gemeinsam skalieren. Außerdem ist es für mich essenziell, dass Remanufacturing und andere Kreislaufdienstleistungen von Anfang an Teil der Produktentwicklung und Servicekonzepte werden – als ganzheitliche Lösung.