In unserer Artikelserie „How We Solved It“ werfen wir einen genaueren Blick auf spannende Projekte innerhalb der TRATON GROUP und sprechen mit den Menschen, die sie möglich gemacht haben. In dieser Folge erfahrt Ihr, wie das gruppenweite Getriebe 2023 bei International eingeführt wurde. Das Getriebe wurde erstmals Ende 2021 bei Scania eingeführt, und MAN begann 2024 mit dem Einsatz des gruppenweiten Getriebes.
Der Ausgangspunkt
Die ersten Weichen wurden 2016 gestellt, als die TRATON GROUP eine strategische Allianz mit Navistar (später International) einging. Während sich die Beziehungen zu International vertieften und das Unternehmen schließlich Teil der TRATON GROUP wurde, liefen die Arbeiten an einem gemeinsamen Antriebsstrang bereits.
Es wurden verschiedene Optionen geprüft, wie International das Projekt angehen könnte. Letztendlich kamen die Teams zu dem Schluss, dass der beste Weg für International darin bestand, den gesamten gemeinsamen Antriebsstrang von TRATON – einschließlich Motor, Getriebe und Abgasnachbehandlung, der bei Scania entwickelt worden war – zu implementieren, anstatt zunächst nur mit dem Getriebe zu beginnen.
„Das Getriebe ist sehr eng mit dem Motor verzahnt. Um das Maximum aus beiden herauszuholen, sind sie also aufeinander angewiesen. Der Kraftstoffverbrauch ist zum Beispiel deshalb so gut, weil wir ein stark integriertes System zwischen den Steuergeräten haben“, sagt Peter Daelander, Produktmanager bei Scania.
Das Projekt gewann an Umfang
Zu diesem Zeitpunkt verfügte International noch nicht über eine eigene Getriebeproduktion. Stattdessen bezog das Unternehmen Getriebe und Abgasnachbehandlungssysteme von externen Lieferanten, die auch für deren Wartung vor Ort zuständig waren. Als das Unternehmen den gemeinsamen Antriebsstrang der Gruppe einführte, wurde es sowohl effizienter als auch wirtschaftlicher, die Produktion ins eigene Haus zu verlagern.
Dies bedeutete auch eine grundlegende Veränderung in der Art und Weise, wie International seine Kunden betreuen würde: Zum ersten Mal würde International den kompletten integrierten Antriebsstrang (Motor, Getriebe und Abgasnachbehandlung) über sein eigenes Händlernetzwerk selbst verkaufen und warten.
Der Umfang des Projekts war immens: ein komplett neuer Motor, ein neues Getriebe und eine neue Abgasnachbehandlung, eine erweiterte Fabrik, ein neuer Vertriebs- und Serviceansatz sowie die Synchronisierung von Prozessen und IT-Systemen mit Scania.
Ryan Ludera, der bei International als leitender Projektmanager für diese Initiative fungierte, schilderte seine Sichtweise: „Ich wusste, dass dies eine entscheidende Initiative werden würde: die Entwicklung eines völlig neuen integrierten Antriebsstrangs für den nordamerikanischen Markt, der die Art und Weise, wie wir bei International Geschäfte machen, verändern würde. Es war ein gewaltiges Unterfangen, aber ein spannendes, das von Anfang bis Ende Belastbarkeit und Konzentration in allen Bereichen erforderte, um sicherzustellen, dass alle an einem Strang zogen.“
Der Prozess
Allen Beteiligten war klar, dass das bei Scania entwickelte Getriebe nicht einfach auf die Lkw von International übertragen werden konnte. Die Unterschiede zwischen Europa und den USA sind zahlreich, sowohl hinsichtlich der Standardausstattung von Lkw als auch hinsichtlich ihrer Betriebsweise. Welche Anpassungen genau erforderlich waren, ließ sich nur durch Tests herausfinden.
„Zum Beispiel können Lkw in den USA mit höheren Geschwindigkeiten fahren und mit schwereren Antriebswellen kombiniert werden, wofür die Getriebe von Scania ursprünglich nicht ausgelegt waren. Solche Dinge haben wir im Laufe der Zeit herausgefunden. Bei Scania haben wir gelernt, dass wir mehr Tests durchführen und unser Bewusstsein für die Unterschiede in der Nutzung der Produkte in verschiedenen Märkten schärfen mussten“, sagt Markus Granström, Component Chief Engineer für Getriebe und Hauptansprechpartner bei Scania in der Zusammenarbeit mit International.
„Beide Teams haben viel aus der Zusammenarbeit gelernt. Wir bei Scania haben gelernt, wie wir das Getriebe an neue Kunden mit unterschiedlichen Anforderungen anpassen können. Und für International war es das erste Mal, dass sie an der Entwicklung eines neuen Getriebes beteiligt waren. Am Ende hatte man das Gefühl, dass International genauso stark in die Entwicklung eingebunden war wie Scania“, sagt Markus Granström.
„Unsere funktionsübergreifenden Gruppen arbeiteten sehr eng zusammen, was zu einem leistungsfähigeren Team führte. Unsere Teammitglieder nutzten die lokalen Best Practices und blieben gleichzeitig offen für andere Herangehensweisen an eine Situation. Dies führte zu einem effizienteren Team, einer schnelleren Problemlösung und besseren Lösungen.“
Die unsichtbare Herausforderung: IT
Eine der größten Hürden lag nicht in der Mechanik, sondern in der Synchronisierung von Prozessen und IT‑Systemen. Zeichnungen, Reviews und Freigaben mussten zwischen den Unternehmen zuverlässig funktionieren.
„Das ist eines der schwierigsten Themen, wenn zwei Unternehmen eine Zusammenarbeit starten: Prozesse und IT-Komponenten aufzusetzen. Es ist schwer abzuschätzen, auf welchem Niveau Systemunterstützung nötig ist und was das Mindestmaß darstellt. Genau dann wird die Kommunikation zwischen den Projektbeteiligten entscheidend“, sagt Karin Elfgren, Projekt Managerin bei Scania.
Zu Beginn war viel manuelle Arbeit nötig. Schritt-für-Schritt entstanden daraus integrierte, heute weitgehend automatisierte Abläufe. „Heute ist das in unseren Review-Flow eingebaut und läuft fast automatisch. Wir arbeiten jetzt nach einem klaren Prozess, der in der gesamten TRATON Forschung und Entwicklung gilt“, sagt Markus Granström.
Neue Produktion in Huntsville
Das Werk in Huntsville erlebte eine tiefgreifende Transformation: Eine Erweiterung um 10.000 Quadratmeter verlieh dem Standort völlig neue Fähigkeiten – darunter erstmals in der Geschichte von International die Montage von Getrieben ergänzt durch drei große Bearbeitungslinien. International verantwortete den Bau, Scania beriet bei der Auslegung der Getriebe-Produktionslinie.
„Es ist eine Kopie der Getriebelinie von Scania, allerdings mit einem höheren Automatisierungsgrad. Die Produktion folgt weitgehend denselben Steuerungen und demselben Ablauf. Die verschiedenen Bereiche des Werks haben zur Vereinfachung die schwedischen Namen übernommen“, sagt Karin Elfgren.
Das Ergebnis
Im Oktober 2023 startete International die Produktion des S13 Integrated Powertrain in Huntsville. Heute laufen dort zwei Montagelinien: eine für den Motor, eine für das Getriebe. „Es war ein anspruchsvoller Weg, aber insgesamt sehr positiv“, fasst Peter Daelander zusammen.
Karin Elfgren ist mehr als zufrieden damit, wie das Projekt umgesetzt wurde: „Wir sind zu einem richtig guten Team zusammengewachsen. Das Getriebeteam hat hervorragend zusammengearbeitet. Das gilt sowohl für die Entwicklungsteams als auch für die Zusammenarbeit zwischen R&D und Produktion. Darüber hinaus funktionierte auch die Zusammenarbeit zwischen der Produktion bei Scania und den internationalen Teams sehr gut. Alle waren bereit, die Extrameile zu gehen, um das Projekt zum Erfolg zu bringen. Ich bin sehr beeindruckt davon, wie das Team die Aufgabe gemeistert hat.“
Ryan Ludera teilt diese Einschätzung: „International und Scania können sehr stolz sein – nach dem Marktstart 2023 und dem anhaltenden Markterfolg des S13 Integrated Powertrain, der ersten Lösung der TRATON GROUP in Nordamerika. In den fast sechs Jahren der Zusammenarbeit haben die funktionsübergreifenden Teams eine außergewöhnliche Zusammenarbeit unter schwierigen Bedingungen gezeigt, getragen von gegenseitigem Respekt, Vertrauen und einem gemeinsamen Ziel.“
„Es war ein anspruchsvoller Weg, aber insgesamt sehr positiv.“
Peter Daelander, Produkt Manager bei Scania
Eine Kultur des gemeinsamen Problemlösens
Die aus dem Projekt gewonnenen Erkenntnisse waren vielfältig. Im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses hat das Team erfolgreiche Elemente in nachfolgende Projekte übernommen und aus weniger erfolgreichen Ansätzen gelernt, um zu vermeiden, dass diese wiederholt werden.
Ein wesentlicher Grund für den Erfolg der Zusammenarbeit war, dass das Team die Herausforderungen gemeinsam anging: „Wir sind zu einem sehr eng verbundenen Team geworden, das sich gegenseitig unterstützt und einander zugehört hat. Wir wollten unbedingt vermeiden, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Deshalb haben wir Tandems aus Vertretern beider Unternehmen gebildet. In den Projektmeetings haben wir vereinbart, nur noch zu sagen: ‚Wir haben das Ziel hier noch nicht erreicht‘ – statt: ‚Scania will dies und International will das‘. Ich denke, das war einer der Erfolgsfaktoren“, sagt Karin Elfgren.