Für Patricia Acioli, Head of Corporate Communications and Sustainability bei Scania Brasilien, ist Nachhaltigkeit weit mehr als ein Geschäftsfeld – es ist ihre Leidenschaft. In ihrer Funktion ist sie für zentrale Nachhaltigkeitsprojekte verantwortlich, unterstützt den Wandel hin zu einem klimafreundlicheren Transport, bringt unterschiedliche Stakeholder an einen Tisch und kommuniziert die erzielten Fortschritte aktiv und transparent. Für sie steht fest: Nachhaltigkeit gelingt nur, wenn sie fest in der Unternehmensstrategie verankert ist und nicht einfach nachträglich ergänzt wird. In mehr als elf Jahren bei Scania hat Patricia Acioli ein Verständnis von Nachhaltigkeit geprägt, das weit über Umweltziele hinausgeht und den Menschen in den Mittelpunkt stellt. 

Ihr Ansatz ist von einem in der Branche eher ungewöhnlichen Ausgangspunkt geprägt: dem Journalismus. Die Fähigkeit, zuhören zu können und danach zu handeln, eine Frage mehr zu stellen, wahrzunehmen, was unausgesprochen bleibt – das sind die Werkzeuge, die sie aus der Redaktion mit in die Vorstandsetage genommen hat.  

Seit 2020 verantworten Sie die Social-Impact-Agenda von Scania Brasilien. Können Sie kurz beschreiben, welche Ziele die Agenda verfolgt? 

Dafür muss ich etwas weiter ausholen: Verantwortungsbewusst, ethisch und transparent zu handeln, gehört zum Selbstverständnis von Scania. Unser Ziel ist es, den Wandel hin zu einem nachhaltigeren Transportsystem anzuführen. Gemeinnütziges Engagement ist eine zentrale Säule in unserer sozialen Unternehmensverantwortung. Sie gibt uns Orientierung, wenn es darum geht, unseren Teil zu einer besseren Welt beizutragen – mit klarem Fokus auf drei strategische Handlungsfelder: Bildung und Qualifizierung fördern, Gesundheit und Sicherheit im Transportsektor stärken sowie als großer Local Player Mehrwert für die Gemeinden vor Ort schaffen. Soziales Engagement ist für uns daher kein Zusatz, sondern ein grundlegender Bestandteil unseres Handelns und verleiht unserem Ziel mehr Glaubwürdigkeit und gibt uns Orientierung. 

Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit einer Gemeinde in der Nähe des Werks in São Bernardo do Campo. Was genau haben Sie dort umgesetzt? 

Es war von Anfang an klar, dass wir uns langfristig in der Gemeinde engagieren wollen. Dabei ging es vor allem darum, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam einen nachhaltigen Mehrwert zu schaffen. 

Eine unserer ersten Initiativen entstand in der Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen. Gemeinsam haben wir eine Technologie eingeführt, mit der sich organische Abfälle in Biogas umwandeln lassen. Dabei konnten wir auf Scanias Expertise bei erneuerbaren Kraftstoffen zurückgreifen und die Gemeinde darin unterstützen, Biogas für den Hausgebrauch zu erzeugen. In Brasilien belasten die Kosten für Kochgas viele Familien erheblich. Diese Lösung hat daher nicht nur die Kosten gesenkt, sondern hat auch gezeigt, wie Technologien aus dem Bereich des nachhaltigen Transports einen konkreten Mehrwert für den Alltag der Menschen schaffen. 

Darauf aufbauend entwickelte sich die Zusammenarbeit kontinuierlich weiter. Gemeinsam mit der Community entstanden neue Initiativen für mehr Lebensqualität: ein Gemeinschaftsgarten, Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche, Projekte zum Naturschutz sowie die Herstellung von Möbeln aus recyceltem PET. 

Unser Engagement war dabei immer auf Langfristigkeit ausgerichtet. Wir sind überzeugt, dass echtes soziales Engagement mit Zuhören und Dialog beginnt. Genau dieser Dialog bildete die Grundlage für alle weiteren Initiativen. Wir verstehen unser Engagement daher nicht als eine Reihe einzelner Projekte, sondern als eine langfristige Partnerschaft – getragen von Vertrauen, den Bedürfnissen vor Ort und einem gemeinsam geschaffenen Mehrwert.

Patricia Acioli steht mit verschränkten Armen vor einer hellen Wand, auf der großformatig der Schriftzug „DRIVE THE SHIFT“ zu sehen ist. Patricia Acioli trägt eine Brille, ein helles T‑Shirt mit dem Aufdruck „CRAFTED in Brazil.“ sowie eine Halskette. Die Aufnahme zeigt Patricia Acioli vom Oberkörper aufwärts in einer Innenraumumgebung mit schlichtem Hintergrund und typografischem Designelement.

Man könnte sich fragen: Was hat ein Nutzfahrzeughersteller mit all dem zu tun? 

Eine ganze Menge, würde ich sagen. Unser Ziel lautet: Driving the Shift, also den Wandel hin zu einem nachhaltigeren Transportsystem voranzutreiben. Nachhaltigkeit bedeutet für uns jedoch weit mehr als Emissionen zu reduzieren. Es bedeutet auch, Verantwortung für den Einfluss zu übernehmen, den wir auf die Gesellschaft ausüben. 

Wir sind überzeugt: Die Energiewende muss zugleich eine gerechte Transformation sein. Der Erfolg eines Unternehmens bemisst sich heute nicht mehr allein an seiner wirtschaftlichen Leistung, sondern auch an dem sozialen und ökologischen Mehrwert, den es schafft. 

Sie haben die Veranstaltungsreihe „Sustainable Talks“ ins Leben gerufen, um den Dialog über Nachhaltigkeit auch außerhalb von Scania zu fördern. Was hat diese Initiative bewirkt? 

Wir wollten einen Raum schaffen, in dem nicht Wettbewerb, sondern Zusammenarbeit im Mittelpunkt steht. Unser Ziel war es, die für die Energiewende notwendigen Partnerschaften aufzubauen. Denn es reicht nicht aus, neue Technologien zu entwickeln, um die Dekarbonisierung voranzubringen. Entscheidend ist die Zusammenarbeit über das gesamte Ökosystem hinweg. 

Deshalb haben wir Unternehmen, Politik, Wissenschaft und weitere Stakeholder zusammengebracht – mit der Botschaft: Wir können nicht weitermachen wie bisher. 

Die Ergebnisse sind äußerst ermutigend. Heute gibt es ein deutlich breiteres Verständnis dafür, dass die Transformation nur gelingt, wenn die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dazu gehören nicht nur Technologien, sondern auch die entsprechende Infrastruktur, Regulierung, erneuerbare Kraftstoffe, Finanzierung und eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten. 

Natürlich muss jemand den ersten Schritt gehen – nur so beginnt die Transformation. Sie braucht beides: Unternehmen, die bereit sind, etwas zu verändern und zu investieren, und ein Ökosystem, das die Voraussetzungen für Veränderung schafft. 

Rückblickend zählt für mich zu unseren größten Erfolgen, ein gemeinsames Verständnis dafür geschaffen zu haben, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um die Transformation zu beschleunigen. 

In diesem Jahr feiert „Queen of the Road“ – eine Initiative, die Sie ins Leben gerufen haben, um Frauen in der Transportbranche sichtbar zu machen und zu fördern – ihr zehnjähriges Bestehen. Wie hat sich die Initiative in dieser Zeit entwickelt? 

Queen of the Road hat sich zu einer Plattform für Dialog und Austausch entwickelt. Sie bringt Führungskräfte von Scania, Kundinnen und Kunden aus Transport und Logistik sowie weibliche Führungskräfte aus vielen weiteren Branchen zusammen. 

Vor zehn Jahren stand vor allem das Thema Empowerment im Mittelpunkt. Heute geht die Initiative noch einen Schritt weiter: Sie schafft ein Umfeld, in dem Frauen ermutigt werden, ihre Stimme einzubringen, selbstbewusst Führungsverantwortung zu übernehmen und die Zukunft der Branche aktiv mitzugestalten. 

Wir sind stolz darauf, dass wir mit unserer Arbeit andere Unternehmen dazu inspiriert haben, ähnliche Initiativen ins Leben zu rufen. Gleichzeitig zeigt sich immer deutlicher, dass Diversität und Inklusion mehr als ein Erfolgsfaktor für Unternehmen sind, sie stellen den Menschen in den Mittelpunkt. Dies ist kein Thema, das nur Frauen betrifft. Es ist eine Aufgabe für Frauen und Männer gleichermaßen. Denn: Eine vielfältigere und inklusivere Branche zu gestalten, ist unsere gemeinsame Verantwortung.  

Dass Queen of the Road heute ihr zehnjähriges Jubiläum feiert, zeigt, wie relevant die Initiative ist und welchen nachhaltigen Einfluss sie ausgeübt hat. Frauen waren schon immer Teil der Transportbranche. Der Unterschied ist, dass ihr Beitrag lange Zeit kaum sichtbar war und nicht entsprechend gewürdigt wurde.  

Wie hat Ihr journalistischer Hintergrund Ihren Führungsstil geprägt? 

Im Geschäftsleben kommt es oft auf das an, was zwischen den Zeilen steht – auf das, was weder geschrieben noch ausgesprochen wird. Wer diese Signale wahrnimmt, kann einen echten Mehrwert schaffen. 

Der Journalismus hat mich gelehrt, mit den Menschen in Verbindung zu bleiben. Journalistinnen und Journalisten sind nah dran: Sie hören zu, beobachten, hinterfragen und versuchen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen. Sie berichten nicht nur über Fakten, sondern ordnen sie ein und helfen dabei, die Zusammenhänge zu erkennen. 

Diese Haltung habe ich in die Unternehmenswelt mitgenommen: Fakten verstehen, sie in einen größeren Zusammenhang einordnen und den Blick auf Lösungen richten. Denn letztlich erzählt jedes Unternehmen auch eine Geschichte – und verfolgt eine Strategie, die mit Leben gefüllt werden muss. 

Gerade in Führungspositionen besteht die Gefahr, den Kontakt zur Realität außerhalb des Unternehmens zu verlieren. Für mich wäre das ein großer Fehler. Führung bedeutet nicht, sich immer weiter von der Realität zu entfernen. Sie bedeutet, nah an den Menschen zu bleiben, ihre Bedürfnisse zu verstehen, ihnen mit Empathie zu begegnen und gemeinsam einen Mehrwert zu schaffen. 

Patricia Acioli steht im Freien vor einem unscharfen Hintergrund mit Gebäuden und Vegetation. Patricia Acioli trägt eine Brille, eine helle T‑Shirt mit dem Aufdruck „CRAFTED in Brazil.“, sowie zwei Halsketten. Das Porträt ist als Nahaufnahme aufgenommen und zeigt den Oberkörper vor einem weich verschwommenen Hintergrund.
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Führung bedeutet nicht, sich immer weiter von der Realität zu entfernen. Sie bedeutet, nah an den Menschen zu bleiben, ihre Bedürfnisse zu verstehen.

Patricia Acioli Head of Corporate Communications and Sustainability bei Scania Brasilien Quote

Welchen Rat würden Sie Kolleginnen und Kollegen geben, die mit ihrer Arbeit selbst etwas bewegen möchten? 

Viele glauben, Strategie bedeute vor allem, große und mutige Entscheidungen zu treffen. Ich habe gelernt, wie viel Kraft allein in kleinen, konsequenten Schritten steckt. Eine klare Vision ist wichtig, eine gute Strategie ebenso. Wenn ich jedoch eine Fähigkeit hervorheben müsste, wäre es die die Fähigkeit, Ideen in die Tat umzusetzen. 

Dazu gehört auch, Neues auszuprobieren, Entscheidungen zu treffen und kalkulierte Risiken einzugehen – selbst dann, wenn noch nicht alle Antworten vorliegen. 

Ich habe nie daran geglaubt, auf die perfekte Lösung zu warten. Selten gelingt etwas beim ersten Versuch. Ich mache den ersten Schritt, lerne unterwegs, entwickle mich weiter und gehe konsequent meinen Weg. 

Wenn ich meine größte Stärke benennen müsste, wäre es Resilienz, die Fähigkeit, einen neuen Weg zu finden, wenn zunächst keiner erkennbar ist. Ebenso wichtig sind für mich Neugier, Mut und die Bereitschaft, wirklich zuzuhören. Denn genau diese Eigenschaften schaffen die Voraussetzungen für Lernen, Zusammenarbeit und Innovation. 

Am Ende entsteht echter Wandel nicht durch große Gesten. Er entsteht, wenn Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, kontinuierlich zu lernen und andere auf diesem Weg mitzunehmen. Genau dafür steht auch unsere Leadership-Philosophie bei Scania. 

Welche Erfahrungen oder Best Practices aus Ihrer Arbeit lassen sich auf die TRATON GROUP übertragen? 

Die Zugehörigkeit zur TRATON GROUP gibt uns die einzigartige Gelegenheit, von den Stärken der einzelnen Brands zu profitieren und über Unternehmensgrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Wir tauschen regelmäßig Wissen aus, vergleichen Initiativen und teilen Best Practices. 

Ein gutes Beispiel dafür ist Fredrik Nilzen, Head of Sustainability bei Scania. Er bringt seine Expertise in Nachhaltigkeits-Foren auf Gruppenebene ein und trägt so dazu bei, Erfahrungen zu vernetzen und den Wissensaustausch innerhalb der Organisation zu beschleunigen. In Brasilien arbeiten wir außerdem eng mit Priscila Rocha zusammen, Head of Sustainability bei Volkswagen Truck & Bus, um Ideen auszutauschen und gemeinsame Potenziale für die Zusammenarbeit zu identifizieren. 

Einer der größten Vorteile der TRATON GROUP ist die Vielfalt ihrer Perspektiven. Unterschiedliche Märkte bringen unterschiedliche Herausforderungen mit sich. Dadurch können wir von den verschiedensten Ansätzen lernen – bei der Dekarbonisierung des Transports wie bei der Gestaltung einer gerechten Transformation. 

Der Klimawandel ist eine komplexe, systemische Herausforderung, die kein Unternehmen allein bewältigen kann. Als Teil einer starken Gruppe wie der TRATON GROUP können wir Wissen bündeln, Synergien nutzen und gemeinsam die Transformation hin zu einem nachhaltigeren Transportsystem beschleunigen. 

Über Patricia

Patricia Acioli smiling at the camera.

Der Erfolg eines Unternehmens bemisst sich heute nicht mehr allein an seiner wirtschaftlichen Leistung, sondern auch sozialen und ökologischen Mehrwert, den es erzielt.

Patricia Acioli ist seit mehr als elf Jahren bei Scania tätig. In dieser Zeit war sie in den Bereichen Change Management, Öffentlichkeitsarbeit & PR, Kommunikation, Mitarbeiterengagement, Innovation und ESG (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) aktiv. Seit 2020 verantwortet sie die Social-Impact-Agenda von Scania Brasilien. 

Heute ist sie Head of Corporate Communications and Sustainability bei Scania Industrial Operations in Brasilien. Sie bezeichnet sich selbst als „Solutions Activist“ und setzt sich mit großer Leidenschaft dafür ein, Lösungen für eine nachhaltigere Zukunft zu entwickeln. 

2025 wurde sie mit dem unternehmensinternen Eva Nyström Scholarship für ihre herausragenden Leistungen in den Bereichen Innovation und Nachhaltigkeit ausgezeichnet.