Eine globale Lieferkette gleicht einem fein gewebten, weltumspannenden Netz. Schon eine einzige blockierte Meerenge kann wichtige Verbindungen kappen. Genau das geschah während der jüngsten Krise in Nahost: Mit der Blockade der Straße von Hormus waren wesentliche Routen über Nacht unterbrochen. 

Auch die TRATON GROUP war davon betroffen. Bei ihren europäischen Marken Scania und MAN gingen die Ölreserven spürbar zurück. Das Beschaffungs-Team machte sich gemeinsam auf die Suche nach Alternativen – gemäß der Resilienzstrategie von TRATON. 

Die Komplexität globaler Liefernetzwerke

Nutzfahrzeuge bestehen aus tausenden Teilen und Materialien, darunter Halbleiter, Batterien und elektronische Komponenten. Mehr als 90 Prozent davon stammen von Zulieferern aus aller Welt. Fehlt ein Teil und steht deshalb eine Produktionslinie still, wird es schnell sehr teuer. Zudem drohen Lieferverzögerungen, Vertragsstrafen und weitere Probleme durch Reklamationen von Kunden.

Zwei Mitarbeitenden arbeiten an einem Batteriemodul in der Batterieproduktion.

„Die größten Risiken in der Lieferkette entstehen durch externe Störungen: Geopolitische Konflikte können zu Handelsbarrieren führen und Lieferwege unterbrechen. Naturkatastrophen wie Brände und Überschwemmungen können sowohl Produktionsstandorte als auch die Infrastruktur treffen. Da die Lieferkette schlank organisiert ist und teilweise auf sequenziellen Lieferungen basiert, führen Engpässe bei Teilen und Komponenten zu Verzögerungen in der Produktion“, sagt Karl Bernqvist, Chief Procurement Officer von TRATON und Mitglied des Vorstands von MAN. 

Resilienz bedeutet für TRATON vor allem, proaktiv zu handeln – aber auch, kurzfristig aktiv auf Störungen reagieren zu können, etwa durch mehrere Lieferanten, alternative Transportwege oder die Bevorratung von Teilen. Neben dem Fokus auf Kosten und Effizienz hat der Einkauf angesichts der instabilen geopolitischen Lage heute einen deutlich breiteren Auftrag. Das steht jedoch nicht im Widerspruch zur Kosteneffizienz. Vielmehr ist es eine notwendige Ergänzung, um die zentralen Werttreiber – Technologie, Qualität, Kosten, Lieferung und Nachhaltigkeit (technology, quality, cost, delivery, and sustainability; TQDCS) – in Balance zu halten. Unsere Mitarbeitenden sind Basis und Enabler, um diese Werttreiber Wirklichkeit werden zu lassen.

Image of Karl Bernqvist.
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Für die TRATON GROUP ist die Resilienz der Lieferkette nicht nur eine operative Frage – sie ist strategisch entscheidend.

Karl Bernqvist Chief Procurement Officer von TRATON und Mitglied des Vorstands von MAN Quote

Resilienz und Nachhaltigkeit gehen Hand in Hand

Resiliente Lieferketten braucht TRATON auch für die Transformation hin zu batterieelektrischen Fahrzeugen. Denn der Umstieg auf E-Trucks schafft neue Abhängigkeiten – zum Beispiel von Batterien oder seltenen Rohstoffen wie Lithium. Die Verfügbarkeit dieser Technologien und Materialien konzentriert sich jedoch teilweise auf wenige Regionen. 

Zugleich müssen Hersteller regulatorische Anforderungen erfüllen, etwa mit Blick auf Treibhausgasemissionen entlang der Lieferkette oder insbesondere aufgrund der europäischen CO₂-Flottenvorgaben. Ein weiterer Aspekt betrifft die Nachhaltigkeit und die ESG-Anforderungen. TRATON muss die Emissionen, die ethische Beschaffung von Rohstoffen und die Einhaltung von Umweltvorschriften bei den Zulieferern überwachen. Eine resiliente Lieferkette sollte Transparenz und Rückverfolgbarkeit gewährleisten und bei Bedarf die Möglichkeit bieten, auf konforme Zulieferer auszuweichen.

Vom Just-in-Time-Denken zu robuster Versorgungssicherheit

Motorhauben in der Montage.

„Externe Störungen und Risiken treten heute deutlich häufiger auf. Im Einkauf kann man sich deshalb nicht mehr allein auf maximale Effizienz verlassen“, sagt Karl Bernqvist. „Bei TRATON haben wir unseren Einkauf neu ausgerichtet: ein ausgewogenes Set-up zwischen allen Werttreibern, in dem Resilienz und Versorgungssicherheit Schlüsseldimensionen sind. Das Mindset im TRATON Einkauf konzentriert sich heute stärker auf einen ganzheitlichen End-to-End-Ansatz. Dank des globalen Netzwerks von TRATON in allen Regionen sind wir in der Lage, sehr schnell zu handeln und dabei auf lokales Wissen zurückzugreifen.“ 

Einige beispielhafte Gegenmaßnahmen im TRATON Einkauf sind: 

  • Dual Sourcing: Wo es kommerziell und technisch möglich ist, streben wir die Nominierung von mindestens zwei Lieferanten aus unterschiedlichen Ländern und Regionen an, um die Resilienz der Lieferkette zu verbessern. 
  • Decoupling: Entkopplung von Lieferanten für Regionen mit geopolitischen Spannungen wie Zöllen (etwa China und die USA). 

  • Sourcing-Entscheidungen fallen immer unter Berücksichtigung von TQDCS (Technologie, Qualität, Lieferung, Kosten und Nachhaltigkeit), inklusive Supply Chain Risk Management. 

  • Proaktivität, Lieferanten-Monitoring, Echtzeit-Tracking etc. 

Echtzeit-Tracking und Risikomonitoring: Transparenz in der Lieferkette

TRATON setzt zudem auf mehr Transparenz in der Lieferkette. Die Digitalisierung wird dabei zu einem immer wichtigeren Instrument. Mithilfe von Echtzeit-Tracking, Predictive Analytics und einem umfassenden Lieferanten-Risikomonitoring lassen sich potenzielle Risiken besser antizipieren – sowohl bei der Vergabe als auch während der Serienbelieferung. Mehr Datentransparenz und digitale Steuerungsinstrumente versetzen die Marken Scania, MAN, International und Volkswagen Truck & Bus in die Lage, schnell und wirksam auf Störungen zu reagieren. 

Die TRATON GROUP ist in das globale Lieferketten-Risikonetzwerk von Volkswagen eingebunden und nutzt auf diesem Weg auch Methoden und Tools von VW. So erhalten die Expertinnen und Experten im Risiko- und Liefermanagement einen „Strategic and Risk Analytics“-Wetterbericht, um bei drohenden Unwettern präventive Maßnahmen ergreifen zu können. 

„Seit 2020 haben sich externe Störungen und globale Krisen verschärft und vervielfacht. Das macht deutlich: Resiliente Lieferketten brauchen Vertrauen und echte Partnerschaften. Darum handelt TRATON heute proaktiv und vernetzt – mit vorausschauender Bevorratung, der Verankerung des Risikomanagements im Lieferantenqualitäts- und Liefermanagement, regelmäßigem Austausch mit den Lieferanten und enger Abstimmung zwischen den Marken. Und nicht zuletzt erleichtert eine synchronisierte Einkaufsorganisation die Zusammenarbeit mit globalen Lieferantenstrukturen und macht es möglich, technische und geopolitische Herausforderungen durch gebündelte Ressourcen wirksamer anzugehen“, erklärt CPO Karl Bernqvist. 

TRATON Modular System: Potenzial für mehr Resilienz

Ein Truck von Volkswagen wird von zwei Mitarbeitenden in der Produktion geprüft.

Für resiliente Lieferketten spielt das TRATON Modular System (TMS) eine Schlüsselrolle. Es funktioniert wie ein Baukasten: Die vier Marken greifen auf gemeinsame Komponenten und standardisierte Schnittstellen zurück, statt jeweils eigene Lösungen zu entwickeln. Da diese modularen Komponenten weltweit produziert und geliefert werden, können kritische Teile flexibel an mehreren Standorten beschafft und in Regionen mit Engpässen schneller verfügbar gemacht werden. Das senkt das Risiko regionaler Lieferschwankungen – auch solcher, die durch geopolitische Unsicherheit ausgelöst werden. 

Zugleich ermöglicht die flexible Produktion, Fertigungskapazitäten bei Bedarf zu verlagern – so können die Marken schneller auf Veränderungen reagieren. 

Schritt für Schritt zu mehr Resilienz

In der jüngsten Nahostkrise haben sich TRATONs Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz ausgezahlt. In gruppenweiter Zusammenarbeit fanden die TRATON Marken schnell Lösungen für den sich abzeichnenden Engpass in der Ölversorgung. Expertinnen und Experten der TRATON Task Force aus Entwicklung, Einkauf und Aftersales entwickelten passgenaue Maßnahmen – unter anderem durch alternative Ölformulierungen, die Einbindung zusätzlicher Lieferanten für Basisöle und die Identifikation alternativer Transportwege. Die Lösungen stehen, und TRATON ist gerüstet, um weiteren geopolitischen Risiken zu begegnen. 

„Für die TRATON GROUP ist die Resilienz der Lieferkette nicht nur eine operative Frage – sie ist strategisch entscheidend“, sagt Karl Bernqvist. „Sie verhindert Produktionsstillstände, sichert unsere Technologietransformation ab, unterstützt die Einhaltung regulatorischer Vorgaben, schafft dauerhafte Wettbewerbsvorteile und hilft uns, unser übergeordnetes Ziel zu erreichen: 100 Prozent Kundenzufriedenheit.“