Die Reduzierung des CO₂-Fußabdrucks im Transportsektor bedeutet nicht, eine einzige, weltweit optimale Technologie zu finden. Vielmehr geht es darum, für jeden Markt die passende Lösung auf Grundlage der jeweiligen Energieversorgung zu entwickeln. So sieht Rodrigo Chaves, Chief Technology Officer (CTO) für Forschung und Entwicklung sowie Vorstandsmitglied bei Volkswagen Truck & Bus (VWTB), den Wandel hin zu geringeren Emissionen. Von seinen Anfängen am Forschungsinstitut der brasilianischen Marine bis hin zur Leitung der Antriebsstrangentwicklung bei TRATON in Schweden: Fast drei Jahrzehnte lang hat Chaves damit verbracht, Technologie in konkrete Lösungen umzusetzen.
Heute greift er auf die langjährige Erfahrung Lateinamerikas mit Biokraftstoffen und die wachsenden Elektrofahrzeugflotten der Region zurück. So gestaltet er einen pragmatischen Weg zur CO₂-Reduzierung, der sich an den jeweiligen Gegebenheiten der Energiematrix orientiert. Biokraftstoffe, Elektrifizierung und Hybridlösungen spielen dabei jeweils eine wichtige Rolle.
Was hat Sie ursprünglich zur Forschung und Entwicklung (R&D) gebracht, und wie hat sich diese Motivation im Laufe der Zeit verändert?
Ich habe am Forschungsinstitut der brasilianischen Marine angefangen und mich dort mit dem beschäftigt, was wir damals als KI-Technologie bezeichneten: Steuerungs- und Automatisierungssysteme für U-Boote. Als ich 1997 zu Volkswagen kam, war das eine große Herausforderung. Das Unternehmen nahm seine Werke nach dem Ende des Joint Ventures mit Ford wieder selbst in Betrieb, und wir mussten vieles neu aufbauen. Im Laufe der Jahre war ich in vielen Bereichen tätig – auch im Projektmanagement und in der Forschung und Entwicklung. Die Arbeit im Transportsektor gibt uns die Möglichkeit, zu beeinflussen, wie Menschen leben, und eine bessere gesellschaftliche Entwicklung zu fördern. Meine Motivation als Führungskraft ist dabei immer stärker von der Idee einer gemeinsamen Aufgabe geprägt worden: unseren Teams Klarheit, Eigenverantwortung und Orientierung zu geben. Denn ein gutes Umfeld für Innovation braucht Menschen, die sich vertrauensvoll eingebunden fühlen und wissen, dass ihre Arbeit zu einem größeren Ziel beiträgt.
Was haben Sie aus Ihren Erfahrungen auf Gruppenebene bei TRATON gelernt und was haben Sie davon bei VWTB umgesetzt?
Das war eine großartige Zeit. Als ich zur TRATON GROUP kam, hatte ich die Gelegenheit, in einer völlig anderen Kultur zu leben und mit meiner Familie nach Schweden zu ziehen. Ich war Teil einer Gruppe, die für den Aufbau der Holding verantwortlich war, zunächst im Bereich Forschung und Entwicklung und später auch bei den Projekten. Damals, im Jahr 2016, hatten wir drei Unternehmen – Scania, MAN und Volkswagen Truck & Bus (seinerzeit noch unter dem Namen Volkswagen Caminhões e Ônibus) – und wir mussten eine gemeinsame Basis schaffen, auf der alle Teams miteinander verbunden sein, einander vertrauen und einen positiven Beitrag leisten konnten.
Das hat eine Weile gedauert und war wirklich eine Lernerfahrung fürs Leben: Wie führt man ein solches Team? Wie bleibt man offen? Wie schafft man ein vertrauensvolles Umfeld, in dem die Stärken aller drei Unternehmen zum Tragen kommen und so die besten Technologielösungen für TRATON entstehen?
Ich war für den Antriebsstrang verantwortlich und arbeitete mit den schwedischen und deutschen Kollegen zusammen. Wir entwickelten den künftigen Antriebsstrang mit den leistungsstärksten Komponenten – Abgasnachbehandlung und Elektronik – und machten mit dem ersten TRATON-Antriebssystem und den Batterien einen großen Schritt nach vorn. In diesen drei Jahren fingen wir bei null an, hatten aber ein gemeinsames Ziel: etwas Positives zu bewirken, uns auszutauschen und voneinander zu lernen. Letztendlich können uns die Unterschiede – wenn wir sie richtig miteinander verbinden – wirklich stärker machen.
Als ich nach Brasilien zurückkehrte, wurde mir das Potenzial unserer Gruppe bewusst. Die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen, der Austausch mit unseren Lieferanten und der Umgang mit unterschiedlichen Kulturen und Hintergründen – das ist wirklich ein Gewinn. Wenn wir diese Vielfalt richtig nutzen, können wir sehr viel erreichen. Diese Erfahrung hat mein Verhalten und meine Denkweise verändert, und ich ermutige andere Führungskräfte und Kollegen, eine solche Erfahrung zu machen. Wir brauchen dieses gruppenorientierte Denken. Es geht nicht darum, dass sich eine Kultur gegenüber einer anderen durchsetzt, sondern darum, einen Ort zu schaffen, an dem jeder einen Beitrag leisten kann. Aus diesen Unterschieden entsteht unsere gemeinsame TRATON-Kultur.
Sie haben diese Gruppenmentalität mit nach Brasilien zurückgebracht. Wie prägt sie Ihre Herangehensweise an die Dekarbonisierung in Lateinamerika?
Hier in Lateinamerika verfügen wir über viele alternative Energiequellen mit Potenzial für geringere Emissionen und können auf jahrzehntelange Erfahrung mit Biokraftstoffen zurückgreifen. Bei Pkw setzen wir beispielsweise auf Ethanol- und Flex-Fuel-Technologien, bei denen Ethanol und Benzin miteinander kombiniert werden können – und das zu einer Zeit, als von Dekarbonisierung noch gar nicht die Rede war. Wir haben uns schon damals mit diesen Möglichkeiten beschäftigt, unsere Energiematrix analysiert und nach den besten Einsatzmöglichkeiten für diese Energiequellen gesucht. Unser Ziel war es, möglichst effiziente Transportlösungen zu schaffen und gleichzeitig zu einer besseren Luftqualität beizutragen.
Legt man das brasilianische Biokraftstoffprogramm RenovaBio zugrunde, bieten bestimmte Biokraftstoffe eine reale Möglichkeit, die CO₂-Emissionen über den Lebenszyklus im Vergleich zu herkömmlichem fossilem Diesel um bis zu 90 % zu senken – je nach Rohstoff und Herstellungsverfahren. RenovaBio ist eine Initiative der brasilianischen Regierung und basiert auf dem methodischen Rahmen der internationalen Normen zur Ökobilanzierung (Life Cycle Assessment, LCA; ISO 14040 und ISO 14044) sowie auf den IPCC-Leitlinien.
Unsere Region verfügt zudem über eine starke Agrarwirtschaft. Soja und andere Rohstoffe, die sich als Biokraftstoff nutzen lassen, sind ausreichend vorhanden. Auch der Biokraftstoff Biomethan bietet viele Möglichkeiten – nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch bei der Müll- und Abfallsammlung. Dort können Betreiber von einer Energiequelle mit geringerer CO₂-Intensität als fossile Alternativen profitieren. Die vorhandene Fahrzeugtechnologie lässt sich nutzen, bevor der Umstieg auf Elektromobilität erfolgt. Je nach eingesetztem Biokraftstoff können die CO₂-Emissionen so um 80 bis 90 % reduziert werden.
Gleichzeitig ist die Bevölkerungsdichte in den Großstädten sehr hoch. Die Menschen brauchen dort eine bessere Luftqualität und weniger Lärmemissionen. Zudem ist die Ladeinfrastruktur in den Städten deutlich besser ausgebaut als auf dem Land. Mit der vorhandenen Batterietechnologie und dem Aufladen über Nacht lassen sich Elektro-Lkw und -Busse im städtischen Güter- und Personenverkehr sehr gut einsetzen. Die Amortisationszeit ist kürzer und die Auswirkungen sind äußerst positiv, da die Fahrzeuge keine Schadstoffe ausstoßen. Dies wirkt sich auch positiv auf die öffentliche Gesundheit aus: weniger Krankheiten und gesundheitliche Probleme durch schlechte Luft sowie weniger Lärm im Verkehr.
Deshalb waren wir in der TRATON GROUP die Ersten, die unseren e-Delivery, den leichten Lkw, entwickelt und in Produktion gegeben haben. Wir haben ihn 2020 auf den Markt gebracht – den ersten Elektro-Lkw von TRATON, der in Serie ging. Inzwischen haben wir auch unsere Elektrobusse erfolgreich weiterentwickelt und erhalten sehr positives Feedback von unseren Kunden. Mit unseren Elektro-Lkw- und -Busplattformen sind wir heute für den Einsatz in Städten sehr gut aufgestellt – insbesondere für Verkehr auf der letzten Meile und den öffentlichen Nahverkehr. Im Fernverkehr in unserer Region wird die Elektrifizierung dagegen noch einige Zeit brauchen, vor allem beim Ausbau der Infrastruktur und der Schnellladestationen. Wir gehen deshalb von einer Übergangsphase aus, in der auch Hybridlösungen eine Rolle spielen können. Entscheidend ist für uns immer die Energiematrix: Wir prüfen zunächst, welche Möglichkeiten der jeweilige Markt bietet und wie wir damit die besten Ergebnisse für Kunden, Umwelt und Gesellschaft erzielen können. Erst danach entscheiden wir uns für die passende Technologie. Unser Ansatz basiert daher auf mehreren Lösungen. Im Mittelpunkt stehen Biokraftstoffe und Elektrifizierung – je nach Anwendung und Markt auch in Kombination.
Können Sie ein aktuelles Beispiel für erfolgreiche R&D-Zusammenarbeit in der Gruppe nennen?
Ja – eine neue globale Plattform für schwere Lkw, die im Rahmen des TRATON Modular Systems entstand. Dafür werden die Anforderungen aus allen Märkten zusammengetragen und intensiv über Eigenschaften und Kosten diskutiert. Jede Marke übernimmt dabei die Führung bei bestimmten Themen. Wir können beispielsweise unsere Stärke bei kosteneffizienten Lösungen einbringen. MAN und Scania verfügen über großes Know-how in der Technologieentwicklung, der vertikalen Integration und der Aerodynamik. Unsere US-amerikanischen Kollegen wiederum bringen ihre große Kundennähe ein. Jedes große gemeinsame Projekt bringt nicht nur technische, sondern auch kulturelle Herausforderungen mit sich. Vier unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen, ist nicht einfach und braucht Zeit. Aber wenn wir uns auf die Sichtweisen der anderen einlassen, bin ich sicher, dass wir einen gemeinsamen Weg finden werden. Dieses Team wird unschlagbar sein.
Rodrigo Chaves
CTO R&D und Vorstandsmitglied, Volkswagen Truck & Bus
Wir hatten ein gemeinsames Ziel: etwas Positives zu bewirken, uns auszutauschen und voneinander zu lernen.
Fakten
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Ingenieur für Elektrotechnik und Master of Science (M. Sc.) in Electronic Controls and Modeling (UFRJ)
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Begann seine Karriere am Forschungsinstitut der brasilianischen Marine, wo er an KI- und Steuerungssystemen arbeitete
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Kam 1997 zu Volkswagen Truck & Bus und durchlief verschiedene Stationen in den Bereichen Projektmanagement, Antriebsstrang sowie Forschung und Entwicklung (R&D)
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Verantwortete bei TRATON in Schweden die Bereiche Antriebsstrang, Steuerungstechnik und Elektromobilität (2016–2018)
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Leitet heute als CTO den Bereich Forschung und Entwicklung (R&D) und treibt die Multi-Solution-Strategie von Volkswagen Truck & Bus zur CO₂-Reduzierung voran
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Setzt sich für einen technologieoffenen Ansatz bei der CO₂-Reduzierung ein, der auf die jeweiligen Energiequellen und Marktbedingungen der einzelnen Regionen zugeschnitten ist