Frau Cato, Sie verlassen Ihre bisherige Funktion bei TRATON und werden Chief of Staff bei Scania Group China. Inwiefern lässt sich Ihre Erfahrung im Bereich Public Affairs auf diese neue Aufgabe übertragen?
Jennie Cato: Public Affairs war schon immer weit mehr, als Gesetzgebung zu beeinflussen und zu verfolgen. Im besten Fall geht es darum zu verstehen, wie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammenwirken – und aus diesem Verständnis bessere Entscheidungen abzuleiten.
Diese Erfahrung wird in meiner neuen Funktion sehr relevant sein. Ich bin es gewohnt, mich in komplexen Stakeholder-Umfeldern zu bewegen, Chancen ebenso wie Risiken zu erkennen, über unterschiedliche Perspektiven hinweg Vertrauen aufzubauen und externe Entwicklungen mit geschäftlichen Prioritäten zu verknüpfen.
Gleichzeitig sehe ich darin eine Chance, dazuzulernen. Einen Großteil meiner Laufbahn habe ich an der Schnittstelle von Wirtschaft, Politik und gesellschaftlicher Transformation verbracht. Jetzt möchte ich das Geschäft noch tiefer von innen heraus verstehen.
Herr Costa, Sie übernehmen die Funktion als Head of Group Public Affairs.
Welche Erfahrungen und Perspektiven bringen Sie mit?
Moises Costa: Der Wechsel zu TRATON fühlt sich für mich eher wie eine Heimkehr an als wie ein Neuanfang. Ich habe meine Laufbahn bei Volkswagen Truck & Bus in Brasilien begonnen und dort fast vier Jahre im Bereich International Government Relations gearbeitet. Später habe ich fünf Jahre lang das Brüsseler Büro von MAN Truck & Bus geleitet und dabei auch eng mit Scania zusammengearbeitet. Ich fange also nicht bei null an, wenn es darum geht, Beziehungen aufzubauen und das Unternehmen, seine Kultur und seine Geschichte zu verstehen. Ich fühle mich TRATON und seinen Marken persönlich eng verbunden und freue mich darauf, Teil der weiteren Entwicklung unserer Gruppe zu sein.
Über meine persönliche Verbindung zum Unternehmen hinaus bringe ich auch mehrjährige Erfahrung in den Themen mit, die mich bei TRATON beschäftigen werden. Der Automobilsektor begeistert mich schon seit meiner Kindheit, und ich habe mich auch wissenschaftlich mit ihm auseinandergesetzt: Ich habe Lehrveranstaltungen an Universitäten gehalten und Fachartikel zur regulatorischen Integration des Automobilsektors in Europa und Lateinamerika veröffentlicht.
Und schließlich sehe ich mich als echten Weltbürger: Ich habe längere Zeit in Brasilien, Argentinien, England, den USA, Belgien und Frankreich gelebt. Das hilft mir, Menschen mit unterschiedlichen Standpunkten und Hintergründen besser zu verstehen. Ich halte das für unerlässlich, wenn man auf globaler Ebene im Bereich Public Affairs tätig ist und zugleich zu einer Gruppe mit echter globaler Präsenz gehört.
Herr Costa, zum Start in Ihre neue Funktion: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Herausforderungen und Chancen für TRATON im Bereich Public Affairs in den kommenden Jahren, und welche Themen werden Ihrer Einschätzung nach zunehmend an Bedeutung gewinnen?
Moises Costa: Die Welt steht gleichzeitig vor einer Reihe destabilisierender Herausforderungen – darunter Kriege, Klimabedrohungen, Handelskonflikte und die Ölkrise –, die sich allesamt auf politische und wirtschaftliche Entscheidungen auswirken. Das erschwert strategische Weichenstellungen für Unternehmen wie TRATON, aber auch für Regierungen weltweit. Die Herausforderung besteht darin, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und konsequent daran festzuhalten.
TRATON verfolgt eine klare Strategie – kurzfristig wie langfristig. Diese Strategie hängt jedoch von möglichen globalen Szenarien ab, die stark vom aktuellen politischen Umfeld beeinflusst werden können. Das setzt Public Affairs erheblich unter Druck: Wir müssen TRATON dabei unterstützen, seine Vision trotz möglicher Hindernisse zu verwirklichen, die sich aus dieser verworrenen globalen Gemengelage ergeben.
Europa und China treiben beide die Transformation der Transportbranche voran – allerdings in politisch wie marktseitig recht unterschiedlichen Umfeldern. Worin sehen Sie die wichtigsten Unterschiede in der Art und Weise, wie diese Transformation verläuft?
Jennie Cato: Der wichtigste Unterschied liegt wahrscheinlich in der Kombination aus Tempo, Skalierung und Koordination.
In China findet die Transformation in einem sehr großen und hart umkämpften Markt statt – mit einer starken Industriepolitik, erheblichen Investitionen in die Infrastruktur und einem äußerst dynamischen Technologie-Ökosystem. Neue Lösungen gelangen dort schnell von der Entwicklung in den breiten Einsatz.
Auch in Europa ist der Wandel ambitioniert, er vollzieht sich jedoch über 27 Mitgliedstaaten mit jeweils eigenen politischen Vorgaben und Anreizsystemen sowie nationalen Energiemärkten hinweg. Das macht die Koordination komplexer.
Zudem haben beide Regionen unterschiedliche Ausgangspositionen. China verfügt über eine sehr starke heimische Lieferkette für Batterien, Elektrofahrzeuge und verwandte Technologien. Europa bringt umfassende Expertise bei Premium-Nutzfahrzeugen, Sicherheit, Engineering, Flottenbetrieb und grenzüberschreitender Logistik mit.
Moises Costa: Da stimme ich zu. China setzt sich ein Ziel und stellt enorme Ressourcen bereit, um es umzusetzen. In Europa verlieren wir unterwegs zu viel Zeit und zu viele Ressourcen.
Um die Transformation in Europa zu beschleunigen, müssen wir einen neuen Weg der Zusammenarbeit zwischen den europäischen Staaten und der Industrie finden. Ironischerweise hilft Europa ausgerechnet der Druck aus China genau dabei.
Die Elektrifizierung ist ein wesentlicher Teil dieser Transformation.
Wie unterscheiden sich in Europa und China die Voraussetzungen dafür, den Umstieg auf elektrischen Transport zu beschleunigen – und gibt es Dinge, die beide Regionen voneinander lernen können?
Jennie Cato: Zunächst einmal beim Tempo. In China erfolgt der Umstieg schneller, weil das Land seine Fünfjahrespläne mit starker politischer Unterstützung verknüpft. China hat eine große heimische Batterie- und Fahrzeugindustrie aufgebaut, baut die Lade- und Batteriewechsel-Infrastruktur aus – und unter den Herstellern herrscht intensiver Wettbewerb.
Europa verfügt über starke Technologien und ambitionierte Klimaziele, doch in vielen Schwerlast-Anwendungen ist der Business Case nach wie vor schwieriger. Betreiber sind mit höheren Anschaffungskosten, einer fragmentierten Infrastruktur und unterschiedlichen nationalen Systemen konfrontiert – und mit der Unsicherheit, wie schnell sich Ladenetze und Stromnetzkapazitäten entwickeln werden.
China kann Europa wertvolle Erkenntnisse zu Tempo, Skalierung, Batterie-Ökosystemen, digitaler Integration und dem Einsatz von Lösungen liefern. Europa kann wichtige Erkenntnisse zu Sicherheit, Fahrzeugqualität, Denken in Lebenszyklen, komplexem Flottenbetrieb und zur Notwendigkeit eines stabilen, technologieneutralen regulatorischen Rahmens beisteuern.
Die zentrale Erkenntnis für beide Regionen lautet: Bei der Elektrifizierung geht es nicht nur um das Fahrzeug. Es geht um das gesamte System: Energie, Infrastruktur, Finanzierung, Restwerte Logistikplanung und den Business Case des Kunden.
Moises Costa: Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass China über alle Puzzleteile für eine erfolgreiche Elektrifizierungsstrategie verfügt und diese seit vielen Jahren entwickelt.
Das verschafft dem Land deutlich mehr Flexibilität bei der Lieferkette und bei Schlüsseltechnologien – kombiniert mit einem riesigen Binnenmarkt, der die eigene Produktion aufnehmen kann, gestützt auf politische Maßnahmen, die genau darauf abzielen. In Europa verfügen wir zwar über Technologie und Fertigung auf dem neuesten Stand, doch die Lieferkette und die politischen Maßnahmen sind nicht immer zu unseren Gunsten. Wenn wir eine Abstimmung erreichen könnten, wären wir deutlich wettbewerbsfähiger. Genau darüber sprechen wir mit Entscheidungsträgern aus Politik und Verwaltung sowie mit weiteren Stakeholdern, um dorthin zu kommen.
Wo erwarten Sie Überschneidungen in Ihrer künftigen Zusammenarbeit?
Jennie Cato: Bei den grundlegenden Themen wird es erhebliche Überschneidungen geben. Wir müssen den Wandel hin zu einem Transportsystem beschleunigen, das sicherstellt, dass den Klimazielen auch die notwendigen Rahmenbedingungen gegenüberstehen. Zudem müssen wir einen offenen und fairen Wettbewerb unterstützen, Infrastruktur und Energiesysteme stärken, die Wettbewerbsfähigkeit der Nutzfahrzeugbranche sichern und planbare regulatorische Rahmenbedingungen sowie Investitionsbedingungen schaffen.
Die konkreten politischen Positionen können je nach Markt unterschiedlich ausfallen, doch das zugrunde liegende Ziel ist oft dasselbe: den Transport der Zukunft wirtschaftlich tragfähig und skalierbar zu machen.
Und wo werden Sie mit unterschiedlichen Perspektiven aus Europa und China konfrontiert sein?
Jennie Cato: Die Unterschiede werden sich wahrscheinlich am deutlichsten beim Tempo des Wandels zeigen, bei der Rolle der Industriepolitik, bei den Ansätzen für Marktzugang und lokale Produktion sowie bei den bevorzugten regulatorischen Instrumenten.
Unterschiedliche Perspektiven könnte es auch beim Zugang zu Daten, bei digitalen Ökosystemen, der Resilienz von Lieferketten, Technologiestandards und beim Gleichgewicht zwischen globaler Abstimmung und lokaler Autonomie geben.
Moises Costa: Vor unterschiedlichen Perspektiven sollte man keine Angst haben. Solange der Wille zur Zusammenarbeit besteht, wird es auch Gelegenheiten dafür geben. Europa und China sind unterschiedliche Märkte, aber sie sind auch Teil derselben globalen Transformation der Transportbranche. Deshalb halte ich mich ungern lange damit auf, dass es Unterschiede geben mag. Das gehört zum Leben dazu. Mir macht es Freude, Wege zu finden, wie man trotz dieser Unterschiede zusammenfindet – hin zu einem besseren Ergebnis für beide Seiten. Darauf richte ich meine Arbeit aus.