Hightech im Einsatz: Sensoren und Kameras sorgen für Spurtreue und Sicherheitsabstand.
Hightech im Einsatz: Sensoren und Kameras sorgen für Spurtreue und Sicherheitsabstand.

Im Schritttempo fährt der Kipplaster voraus. Dahinter das Absicherungsfahrzeug MAN TGM 18.340, das sich nun langsam in Bewegung setzt. An dessen Steuer: Patrick Jiskra, der das Geschehen genau beobachtet, aber selbst keinen Finger rührt. Der 27-jährige Funktionsentwickler für Fahrassistenzsysteme demonstriert auf der MAN-Teststrecke in München die Zukunft der Automobilindustrie: automatisches fahrerloses Fahren. „Wir befinden uns jetzt im gekoppelten Betrieb“, erklärt er. „Das heißt, wir halten einen Abstand von zehn Metern zum vorderen Arbeitsfahrzeug. Und können so Auf- und Abfahrten auf Autobahnen problemlos überqueren, ohne dass ein anderes Fahrzeug einscheren kann.“ Tatsächlich hält das Fahrzeug den Abstand auch in Kurven konstant ein. Es bleibt auf der Spur, während sich das Lenkrad wie von Geisterhand selbst dreht. Ausgereift könnte diese Technik nicht nur Menschen bei ihrer Arbeit entlasten, sondern sogar Leben retten.

Wanderbaustellen auf Autobahnen sind für die Arbeiter sehr gefährlich: Sie müssen Mäh-, Säuberungs- oder Leitplankenarbeiten im fließenden Verkehr verrichten. Zu ihrer Sicherheit werden Absicherungsfahrzeuge eingesetzt, die in einem Abstand von 50 bis 100 Metern hinter den Arbeitsfahrzeugen fahren, um sie vor dem Verkehr abzuschirmen. Doch immer wieder kommt es zu schweren Auffahrunfällen: Alleine in Bayern kollidiert schätzungsweise einmal die Woche ein Fahrzeug mit einer Wanderbaustelle. Dabei kommt es vor, dass der Absicherungsanhänger durch die Kollision verstört und auch der Fahrer gefährdet wird. Um dieses Risiko zu minimieren, wurde im August 2014 das Projekt „aFAS“ ("automatisch fahrerlos fahrendes Absicherungsfahrzeug für Arbeitsstellen auf Bundesautobahnen") gegründet: Acht Partner aus Industrie, Forschung und Verwaltung schlossen sich zusammen, um an der Entwicklung eines Prototyps zu arbeiten, der vollautomatisiert mobilen Baustellen auf dem Seitenstreifen folgt und sie gegen den Verkehr absichert. Bei dem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Millionenprojekt sind nicht nur Erfahrungen aus dem Straßenbau gefragt: Auch das technische Know-how von MAN und Zulieferern spielt eine entscheidende Rolle. „Unsere Expertise beruht auf mehreren Punkten“, erklärt Walter Schwertberger, Projektleiter aFAS. „Zum  einen beherrschen wir die Erstellung von technischen Gesamtsystemen für automatisiertes Fahren. Zum anderen wissen wir, an welche Grenzen die derzeitige Norm für automatisiertes Fahren stößt.“

„Mit dem aFAS Projekt lernen wir, wie autonomes Fahren später möglich sein wird.“

Walter Schwertberger, Projektleiter aFAS
Sicherheit geht vor: Bevor der Fahrer aussteigt, überprüft er, ob alle Funktionen eingestellt sind.
Sicherheit geht vor: Bevor der Fahrer aussteigt, überprüft er, ob alle Funktionen eingestellt sind.

Das aFAS-Projekt stellt sehr hohe Anforderungen an die Fahrzeugtechnik: Sensoren, Radarsysteme und Kameras werden ständig präzisiert, damit die gelieferten Daten noch sicherer interpretiert werden können – schließlich soll das Absicherungsfahrzeug später unbemannt auf Autobahnen fahren. „Die aktuelle Norm ISO 26262 setzt aber voraus, dass ein Fahrer vorhanden ist – für fahrerlose Systeme also ungeeignet“, sagt Schwertberger. „Mit dem aFAS-Projekt lernen wir, welche Regularien verändert werden müssen, damit fahrerloses, autonomes Fahren später möglich sein wird.“ 

Erste Erkenntnisse über technische Verbesserungen und mögliche Änderungen an Zulassungsvorschriften sammelten die Partner beim Einsatz des Prototyps, der im zweiten Halbjahr 2017 auf hessischen Autobahnbaustellen getestet wurde. Ausgestattet mit modernster Technik, war das Fahrzeug nur auf abgesperrten Baustellenabschnitten im Einsatz, um keine Autofahrer zu gefährden. Im Anschluss wurde es wieder nach München gebracht, wo die Entwickler die Technik anhand der gewonnenen Erfahrungen weiter optimierten. Seit April ist das Fahrzeug auf hessischen Autobahnen unterwegs –  nun im fließenden Verkehr. Dabei untersuchen die Projektpartner auch, wie die Verkehrsteilnehmer auf das autonom fahrende Fahrzeug reagieren. Und ob sie es als solches erkennen und ob dies Einfluss auf ihre Fahrweise hat.

Noch halten die Gesetze mit der Technologie nicht Schritt. Gerd Riegelhuth, Leiter der Abteilung Verkehr und Vizepräsident von Hessen Mobil, weist auf dieses Problem hin.  „Die gegenwärtige Norm deckt zwar autonomes Fahren ab, nicht jedoch das Steuern ohne menschlichen Fahrer. Das soll die Änderung einer großen Anzahl von Gesetzen und Verordnungen nach sich ziehen“, erklärt Riegelhuth. „Die achte Änderung des Straßenverkehrsgesetzes ist aber ein Schritt in die richtige Richtung.“ Fakt ist jedenfalls: Autonomes Fahren wird kommen, der Gesetzgeber wird sich mit der Realität der Mobilität von morgen befassen müssen.  Die Zusammenarbeit zwischen Hessen Mobil und MAN sei laut Riegelhuth sehr produktiv und vertrauensvoll verlaufen. „Insofern ist es naheliegend, dieses Thema weiter auf der Agenda zu haben, durchaus mit dem Konsortium, das in aFAS bereits erfolgreich zusammengearbeitet hat.“

Seit März 2018 ist der MAN-Prototyp im Pilotbetrieb auf der Autobahn unterwegs.
Seit März 2018 ist der MAN-Prototyp im Pilotbetrieb auf der Autobahn unterwegs.

Auch für MAN erwiesen sich die Erfahrungen aus dem Testbetrieb als wertvoll. „Wir wissen heute mehr als noch vor drei Jahren“, sagt Jiskra. „Wir haben die Sensoren, Kameras, Radare und Assistenzsysteme stark optimiert. Sie arbeiten nun wesentlich genauer.“ Wie später die aufwendige Technik des autonomen Fahrens in Serie gehen wird, soll in einem nächsten Schritt entschieden werden. „Dann müssen wir darüber reden, wie wir ein Serienprodukt auf die Straße bekommen, bei dem wir günstigere Technologielösungen einsetzen können. Wichtig ist zunächst das Feilen an den aktuellen Systemen.“ Auch an Lösungen wie Platooning, dem automatisierten Fahren mehrerer Lkw hintereinander, wird gearbeitet. „Der Nutzen der Technik ist vielfältig“, sagt Jiskra. „Doch zuerst sammeln wir weitere Erkenntnisse beim Pilotbetrieb.“

Eine doppelte Premiere feierte das autonom und unbemannt fahrende Absicherungsfahrzeug aFAS von MAN auf der IAA, das auf dem Stand von TRATON zu sehen war. Zum einen wurde aFAS zum ersten Mal der breiten Öffentlichkeit präsentiert. Zum anderen erhielt aFAS am 19. September eine ganz besondere Auszeichnung, die ihrerseits auf der IAA 2018 zum ersten Mal ausgesprochen wurde: den Innovationspreis "Truck Innovation Award 2019", den die Jury International Truck of the year (IToY) erstmalig vergeben hat. Mit insgesamt 93 Stimmen setzte sich aFAS von MAN bei der Wahl zum Truck Innovation Award als Sieger gegen den Wettbewerb durch, der aus fünf weiteren Kandidaten bestand. Voraussetzung für die Bewerbung beim neuen Truck Innovation Award ist das Vorhandensein fortschrittlicher, zukunftsweisender Technologie.

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