Die Zusammenarbeit zwischen den Marken der TRATON GROUP sowie in globalen Allianzen sorgt nicht nur für eine schnellere Amortisation der Entwicklungskosten, sondern führt auch zu gemeinsamem Erfolg. Ein Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden Andreas Renschler und Christian Levin, der als „Chief Operating Officer“ die Umsetzung der Strategie in Forschung und Entwicklung, im Einkauf, in der Produktplanung, im Alliance Management und im Produktionsnetzwerk verantwortet.

Text: Johannes Winterhagen

Play Niemand kann ein Team stoppen.

Bevor wir über Innovation bei TRATON sprechen: Welche Innovation hat Ihr eigenes Leben am stärksten verändert?

Andreas Renschler: Als ich Anfang der 1990er Jahre ein Werk in Alabama aufbaute, pendelte ich zwischen Deutschland und den USA. Es gab natürlich noch keine Smartphones. Für mich war es ein großer Schritt, als ich das erste Mobiltelefon bekam, das in beiden Ländern funktionierte.

Christian Levin: Für mich ist es die Vernetzung aller Dinge. Meine Kaffeemaschine ist vernetzt, ebenso meine Haustür – so bekomme ich eine Nachricht, wenn meine Kinder nach Hause kommen. Darauf zu verzichten, würde mir sehr schwer fallen.

Welche Rolle spielt Innovation in der Transportbranche?

AR: Für uns ist es zentral, dass wir Innovationen gestalten, die dem Kunden einen Nutzen bieten. Es ist sinnlos, Nutzfahrzeuge zu bauen, die auf dem Mond fahren können – denn dort haben wir keine Kunden. Wir schauen nicht zuerst auf das, was technisch möglich ist, sondern definieren gemeinsam mit dem Kunden, was notwendig ist, um die Transporteffizienz zu erhöhen.

CL: Unsere Entwickler sind dann dafür verantwortlich, die Anforderungen der Kunden in Lösungen umzusetzen, die für unsere Kunden und für TRATON profitabel sind. Unserem Verständnis nach ist das ein strukturierter Prozess, in den die Rückmeldungen unserer Kunden laufend eingebunden werden. Wir stellen sicher, dass alle Mitarbeiter, die an diesem Prozess beteiligt sind, die Bedürfnisse unserer Kunden verstehen. Nur dann können sie eigenverantwortlich arbeiten.

Bis zu
60%
des Gesamtwertes eines Schwerlast-Lkw macht der Antrieb aus.

AR: Jeder bei uns versteht: Wenn wir unseren Kunden dabei helfen, profitabel zu arbeiten, dann werden auch wir Gewinne erzielen. Digitalisierung nutzt den Spediteuren, um den Einsatz ihrer Flotten zu optimieren. Die Unternehmer wollen wissen, wo ihre Fahrzeuge sind oder wie sich die Wartung besser planen lässt.

CL: Genau das unterscheidet uns von der Pkw-Industrie, die eher der Unterhaltungselektronik oder der Modebranche ähnelt. Unsere Kunden interessiert hingegen die Kapitalverzinsung. Es handelt sich um Unternehmer, die sich stets fragen: Geht das nicht noch ein wenig profitabler?

„Junge Menschen wollen für Unternehmen arbeiten, die das Thema Nachhaltigkeit ernstnehmen.“
Christian Levin
COO, TRATON GROUP

Neben den Kundenanforderungen kommt nun ein weiterer Innovationstreiber hinzu: die gesellschaftliche Forderung nach geringeren CO2-Emissionen.

CL: Wir sehen das nicht nur als gesellschaftliche Anforderung, sondern als etwas, das wir selbst erreichen wollen. Zum einen hilft geringer Verbrauch unseren Kunden, die Profitabilität zu steigern. Und zum anderen können wir nur so die besten Mitarbeiter gewinnen. Junge Menschen wollen für Unternehmen arbeiten, die das Thema Nachhaltigkeit ernstnehmen.

AR: Außerdem bedeutet Nachhaltigkeit mehr, als nur die CO2-Emissionen zu verringern. Wir sehen einen dramatischen Anstieg im Güterverkehr, auch weil die Konsumenten ihr Verhalten verändern. Alles wird heute nach Hause geliefert. Wir haben die Aufgabe, dieses Wachstum nachhaltig zu gestalten. Und bitte vergessen Sie nicht: CO2-Emissionen korrelieren mit dem Kraftstoffverbrauch und damit mit den Betriebskosten. Jedes Prozent weniger Kraftstoffverbrauch bringt echten Kundennutzen.

Christian Levin beim erzählen.

Kennt das Nutzfahrzeuggeschäft von der Pike auf: Christian Levin begann 1994 als Trainee bei Scania.

CL: Wichtig ist uns, dass wir nicht auf eine einzelne Technologie setzen. Denn zum jetzigen Zeitpunkt ist noch nicht klar, welche Lösungen den größten Kundennutzen bieten. Deshalb entwickeln wir parallel an batterieelektrischen Fahrzeugen, an Hybridantrieben sowie an alternativen Kraftstoffen.

Einige unserer Kunden sind stark an alternativen Antrieben interessiert. Zum Beispiel die Verkehrsbetriebe einiger Großstädte, die keine fossilen Kraftstoffe mehr einsetzen dürfen. Hier wird es komplex, denn eine elektrifizierte Busflotte benötigt auch eine passende Ladeinfrastruktur. Und sinnvoll ist so ein Schritt nur, wenn der Strom aus regenerativen Energieträgern stammt. Das können wir als Fahrzeughersteller nicht alleine stemmen, daher werden Partnerschaften immer wichtiger.

Durch den Zusammenschluss kann die TRATON GROUP neue Technologien besser refinanzieren. Arbeiten da wirklich schon alle in eine Richtung?

AR: Innovation entsteht nicht aus dem Nichts. Ingenieure merken schnell, dass die Vielfalt neuer Technologien nicht mit dem Budget einer einzelnen Marke zu realisieren ist. Deshalb sind für uns markenübergreifende Entwicklungspartnerschaften ein Schlüssel für den Erfolg.

CL: Wenn wir Doppelarbeit konsequent vermeiden, kommen wir deutlich schneller voran. Wir können bessere Lösungen zu niedrigeren Stückkosten anbieten. Deshalb arbeiten wir an einem modularen Baukastensystem für alle Marken der TRATON GROUP – wohlgemerkt auf Komponenten- und nicht auf Fahrzeugebene. Wir wollen nicht identische Fahrzeuge bauen, sondern eine Auswahl an gemeinsamen Komponenten bereitstellen, die mit standardisierten Schnittstellen in jedes Fahrzeug eingebaut werden können.

Sind die unterschiedlichen Kulturen, die MAN und Scania eingebracht haben, dabei nicht hinderlich?

AR: Meine Erfahrung ist eine andere. Niemand kann ein Team stoppen, in dem Menschen aus verschiedenen Weltregionen, mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen sowie Männer und Frauen gleichberechtigt zusammenarbeiten. Wichtig sind ein klares gemeinsames Ziel und eine pluralistische Unternehmenskultur, in der jeder seine Meinung äußern darf.

CL: Letztlich geht es um Vertrauen. Um das Vertrauen, dass ein Kollege in einem anderen Land genauso zielorientiert an einem Projekt arbeitet wie der Kollege am Nachbartisch. Dieses Vertrauen gewinnt man durch Transparenz. Und man erhält es sich, indem man das liefert, was man zuvor versprochen hat. Natürlich geht es nicht ohne Reibungen, aber aber die sind notwendig, wenn man gemeinsam um die beste Lösung ringt.

Andreas Renschler.

Andreas Renschler ist überzeugt: Die Vielfalt neuer Technologien ist nicht mit dem Budget einer einzelnen Marke zu realisieren.

„Für uns ist es zentral, dass wir Innovationen gestalten, die dem Kunden einen Nutzen bieten.“
Andreas Renschler
CEO, TRATON GROUP

Durch die Digitalisierung im Transportsektor kommt eine neue Kultur in die Branche. Ist die TRATON GROUP ein guter Arbeitgeber für „Digital Natives“?

CL: Oh ja! Ein großer Anteil der Entwicklungsressourcen wird bereits heute für Elektronik und Software investiert, hier werden wir in den nächsten Jahren schon bald eine Quote von 50 Prozent erreichen. Wenn ich mit jüngeren Software-Entwicklern bei uns spreche, dann sagen die: „Was wir machen, kann man anfassen. Das Produkt, an dem wir mitarbeiten, beeinflusst das Leben der Menschen.“

AR: Die gesamte Logistikkette von der Produktion bis zum Endkunden wird künftig vernetzt sein. Wenn man in die fernere Zukunft schaut, dann wird das autonome Fahren die komplette Transportbranche verändern. Wir bereiten uns heute schon darauf vor und verkaufen bereits erste autonome Fahrzeuge für eingegrenzte Einsatzgebiete, zum Beispiel in Minen. Spannende Aufgaben, oder?

Welche Rolle spielen Ihre Partner in den USA, in China und in Japan in Ihrer Innovationsstrategie?

AR: Es ist bis heute unmöglich, ein europäisches Nutzfahrzeug in Japan oder den USA zu verkaufen – und umgekehrt. Wenn wir aber über den Antrieb sprechen, der bis zu 60 Prozent des Gesamtwertes eines Schwerlast-Lkw ausmacht, dann sieht es schon anders aus. Wir können die hohen Entwicklungskosten mit unseren Partnern teilen. Wir haben uns allerdings dagegen entschieden, Unternehmen komplett zu übernehmen. Denn ein Unternehmen zu integrieren, kostet Zeit – und eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Unser Ansatz ist anders: Er besteht darin, Allianzen zu bilden, zusammenzuarbeiten und gemeinsam davon zu profitieren.

Andreas Renschler und Christian Levin im Gespräch miteinander.

Ein gemeinsames Ziel und gegenseitiges Vertrauen: Für Andreas Renschler und Christian Levin sind das wichtige Führungsprinzipien.

CL: Innerhalb der Allianzen identifizieren wir systematisch jene Felder, auf denen eine Zusammenarbeit für beide Seiten profitabel ist – ob beim Antrieb, beim Einkauf von Komponenten oder der Software-Entwicklung. Auf diesem Weg kann man die gleichen Synergien erreichen wie durch Zukäufe.

AR: … und das wahrscheinlich sogar schneller!