Scania entwickelt neben modernen Nutzfahrzeugen auch nachhaltige Mobilitätsdienstleistungen. Auf dem Werksgelände in Södertälje testen Mitarbeiter in einem Pilotprojekt den Mobilitätsservice Scania Go im realen Betrieb.

Text: Mathias Heerwagen

Play Let's go!

Marcel Kroeze hat es eilig. In zehn Minuten hat er eine Besprechung, doch das Gebäude liegt zwei Kilometer entfernt am anderen Ende des Scania-Werksgeländes. „Es ist fast unmöglich, dort einen Parkplatz zu finden“, sagt der Niederländer, der seit anderthalb Jahren bei Scania in Södertälje arbeitet. Er öffnet eine App auf seinem Smartphone und erblickt die Position des Shuttlebusses in Echtzeit auf einer Karte. Kroeze verlässt sein Büro und erreicht rechtzeitig die Haltestelle – der Minibus fährt gerade vor.

Das Team aus dem Geschäftsbereich Sustainable City Solutions entwickelt neue Geschäftsmodelle und Einnahmequellen für Scania, die auch Mobilitätslösungen für die Zukunft umfassen. Doch welchen Herausforderungen müssen sich Städte heute und in einigen Jahren stellen? Und wie lassen sich diese Herausforderungen meistern? Für Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern prognostizieren die Vereinten Nationen eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von einem Prozent bis zum Jahr 2050. Stockholm hat zwar nur rund eine Million Einwohner, verzeichnete in den vergangenen Jahren jedoch ein doppelt so hohes Wachstum – Tendenz steigend. Schon jetzt sind die Auswirkungen auf die Mobilität spürbar: Jeder Pendler in Stockholm steht pro Jahr 17 Tage lang im Stau, etwa ein Drittel der Fahrzeit wird für die Parkplatzsuche benötigt. „Stellen Sie sich vor, wie das mit 40 Prozent mehr Einwohnern sein wird. Man wird kaum noch in der Lage sein, ein eigenes Auto in der Stadt sinnvoll zu nutzen“, warnt Kroeze.

Fahrende Autos.
Marcel Kroeze

Marcel Kroeze ist viel auf dem Werksgelände von Scania unterwegs – und nutzt dafür natürlich auch selbst Scania Go.

„Mit dem Pilotprojekt Scania Go lernen wir, wie eine Komplettlösung für urbane Mobilität aussehen kann.“
Marcel Kroeze
Geschäftsbereich Sustainable City Solutions, Scania

Alle denkbaren Mobilitätsbedürfnisse abdecken

Die Lösung? Gemeinsam genutzte, clevere Mobilitätssysteme, die Bewohner und Pendler entlasten, CO2-Emissionen reduzieren sowie eine nachhaltige und bedarfsgerechte Verkehrsentwicklung ermöglichen. „Mit dem Pilotprojekt Scania Go lernen wir, wie eine Komplettlösung für urbane Mobilität aussehen kann und was man braucht, damit das funktioniert“, sagt Kroeze. Doch um ein skalierbares System entwickeln zu können, muss man letztendlich alle Mobilitätsbedürfnisse der potenziellen Nutzer abdecken, auch abends und am Wochenende.

Handy LKW Mensch Fahrrad SUV PKW

Intermodale Mobilität bedeutet, verschiedene Verkehrsmittel kombiniert nutzbar zu machen. Der Schlüssel zu allem: das Smartphone.

Mit Scania Go startete im Mai 2018 ein Service für die 16.000 Mitarbeiter am Scania-Stammsitz im schwedischen Södertälje. Das mehrere Quadratkilometer große Werksgelände stellt mit Dutzenden Gebäuden eine eigene Kleinstadt dar. Mit großen Herausforderungen: Meist sind alle 8.000 Parkplätze belegt, die Ein- und Ausfahrten morgens und abends verstopft. Bei Besprechungen am anderen Ende des Geländes nutzten Mitarbeiter früher ihren privaten Pkw, fanden oft keinen Parkplatz und gingen das Risiko ein, zu spät zu kommen. Heute sehen sie in der App, wie lange der Shuttlebus noch bis zur Haltestelle braucht. Wartezeiten werden vermieden, die Kollegen sind pünktlich. Das steigert auch die Produktivität: Schätzungsweise 60 Wochen Arbeitszeit haben die Mitarbeiter im ersten Jahr des Services sinnvoll genutzt, die sie sonst mit Warten an Haltestellen oder der Parkplatzsuche verbracht hätten.

Scania Go deckt mit vier verschiedenen Verkehrsmitteln unterschiedliche Bedürfnisse ab. Sechs Reisebusse starten morgens im 20-Minuten-Takt im Stockholmer Zentrum und bringen Pendler nach Södertälje. „Der Service ist sehr beliebt, die Busse sind voll“, sagt Marcel Kroeze und ergänzt: „Der Bus bringt einen direkt in das Werk und dort entfällt die lange Parkplatzsuche.“ Den Fahrdienst gab es schon vorher, doch seit Einführung der integrierten Lösung und der App stiegen die Nutzerzahlen um fast 20 Prozent.

Sofia Vahlne im Interview.

Dreh- und Angelpunkt: Die Scania Go-App wurde bereits 10.000 mal heruntergeladen.

Das Drachenboot-Team der TRATON GROUP in einem Dracheboot auf dem Wasser.

Um ein E-Bike von der Ladestation abzuholen, reicht der Mitarbeiterausweis.

Sofia Vahlne bei der Arbeit auf einer Sitzgruppe.

Der Scania Job-Express verbindet den Scania-Standort Södertälje mit der Metropole Stockholm.

Die Werte der TRATON GROUP aus Holz dargestellt.

Bis vor die Bürotür: Manche Mitarbeiter gelangen vom Bus auf kurzem Weg direkt ins Office.

Das Motto des Drachenboot-Teams auf dem Rücken eines T-Shirts gedruckt.

Auf dem Werksgelände pendeln außerdem 14 Minibusse auf festen Routen.

60
E-Bikes stehen allen Mitarbeitern auf dem Werksgelände gratis zur Verfügung.

Basis für integrierte urbane Mobilitätsdienste

Auf dem Werksgelände pendeln zudem 14 Minibusse auf festen Routen. „30.000 Passagiere haben den Minibus-Service im vergangenen Jahr genutzt“, berichtet Teamleiter Kroeze. Durch die bessere Auslastung ließen sich die Betriebskosten pro Passagier um 20 Prozent reduzieren. Zu einem späteren Zeitpunkt könnten auch autonom fahrende Shuttlebusse im System getestet werden. Dafür wäre auch ein bedarfsorientiertes Angebot denkbar: Ein Nutzer kann das Fahrzeug dann gezielt über die App anfordern.

Hans-Åke steht vor seinem E-Bike.

Passionierter E-Bike-Nutzer: Hans-Åke Danielsson aus der Kommunikationsabteilung.

Wenn es ganz schnell gehen muss, können zuvor autorisierte Mitarbeiter auch eines der drei Werks-Taxis nutzen. Allen Mitarbeitern stehen auf dem Werksgelände zudem gratis 60 E-Bikes zur Verfügung. Im ersten Jahr registrierte das Scania-Go-Team mehr als 8.200 E-Bike-Fahrten, rund 16.000 Kilometer legten die Nutzer dabei zurück. Der Mobilitätsmix ist beliebt: Mehr als 10.000-mal wurde die App heruntergeladen, und 4.000 Mitarbeiter nutzen den Service regelmäßig.

Ohne Zweifel eine Erfolgsgeschichte, die in Zukunft auch auf andere Bereiche übertragen werden könnte. „Denken Sie an Gewerbeparks. Für ein Einzelunternehmen ist es schwierig, eine Lösung zu entwickeln, aber für eine Gruppe kann sich der Aufbau eines Mobilitätssystems lohnen und eine Alternative zu teuren Parkplätzen darstellen. Das System könnte sogar eine Basis für integrierte Mobilitätsdienste in Städten sein“, sagt Marcel Kroeze. Wichtig sei nun, dass man auf agile Weise lernt, wie diese Lösungen erfolgreich sein können. Am Ende werde das System höchstwahrscheinlich anders aussehen.

Der Minibus mit Marcel Kroeze an Bord erreicht das Gebäude am anderen Ende des Werksgeländes. Natürlich sind dort alle Parkplätze belegt. Dank des Shuttles kommt der Teamleiter dennoch pünktlich zur Besprechung.

Scania Sustainable City Solutions

Scania hat den Geschäftsbereich Sustainable City Solutions vor etwa drei Jahren gegründet. Dort entwickelt das Unternehmen Lösungen, um die Lebensqualität in Städten nachhaltig zu verbessern. Dazu gehören Mobilitätssysteme wie Scania Go sowie weitere Geschäftsmodelle im Bereich des urbanen Gütertransports sowie unter anderem der Abfallentsorgung. 60 Prozent der Logistikkosten entfallen auf die „letzte Meile“, und bis 2050 wird sich die Transportnachfrage verdreifachen. Lärm und Luftverschmutzung in den Städten sind die Folgen, die es zu vermeiden gilt. Möglich machen das beispielsweise moderne Lkw und Busse mit Hybridantrieb, die besonders geräuscharm unterwegs sind; mit Elektroantrieb sogar lokal emissionsfrei.

Der Geschäftsbereich untersucht auch die Herstellung von Biokraftstoffen: Im Waste2Fuel-Projekt arbeitet das Team daran, Biokraftstoffe aus Abwasser zu gewinnen. Das spart Kosten und schont die Umwelt: So lässt sich mit Biogas der CO2-Ausstoß um bis zu 90 Prozent reduzieren. Die Mission von Scania Sustainable City Solutions ist klar: Probleme erkennen, tragfähige Lösungen erarbeiten und skalierbare Geschäftsmodelle entwickeln, die über den Markenkern von Scania hinausgehen.