Mit per Mobilfunk übertragenen Software-Updates lassen sich in Fahrzeugen von MAN schon bald neue Infotainment-, Komfort- und Effizienzfunktionen auch unterwegs aktivieren. Die Werkstatt kann warten.

Text: Mathias Heerwagen

Johannes Pöppelmeyer rollt mit seinem MAN TGX auf den Rastplatz, stellt den Motor ab und öffnet das digitale Fahrzeugmenü. Ein Update steht an; der Flottenbetreiber hatte es vorab bestellt und bezahlt. Bereits während der Fahrt wurde die Installationsdatei über die RIO-Box, die serienmäßig verbaute Telematikeinheit, heruntergeladen. Jetzt bestätigt Pöppelmeyer die Installation, die anschließende Freischaltung per Code dauert nur Sekunden – und schon ist der MAN mit der neuesten Version des GPS-gestützten, vorausschauenden Tempomaten „MAN EfficientCruise“ ausgestattet. Ganz ohne Werkstattbesuch.

2020
bringt MAN mobil updatefähige Trucks auf die Straße.

Nun ist Johannes Pöppelmeyer im Hauptberuf aber kein Lkw-Fahrer, sondern Entwicklungsingenieur bei MAN in München. Doch das Szenario bewegt sich sehr nahe an der Wirklichkeit. „Das Herunterladen von Updates und das nachträgliche Aktivieren von Fahrzeugfunktionen wird für unsere Kunden schon bald Realität sein“, kündigt Pöppelmeyer an. Der Ingenieur meint damit verschiedene Infotainment-, Komfort- oder Effizienzfunktionen wie beispielsweise die Leerlaufabschaltung, optimierte Getriebeschaltprogramme, die Sprachsteuerung oder ein Upgrade auf die neueste Tempomat-Version.

Das setzt freilich voraus, dass die entsprechende Hardware künftig bei nahezu allen Fahrzeugen ab Werk an Bord ist. Dahin gehe der Trend, berichtet Pöppelmeyer, denn: „Durch die steigenden Stückzahlen machen sich bei den Komponenten Skaleneffekte bemerkbar, die Preise für die Hardware sinken. In Zukunft wird die Varianz der Fahrzeuge zunehmend durch die Konfiguration der Software bestimmt.“

Bedürfnisse ändern sich

Was bei einigen Pkw-Herstellern seit kurzem möglich ist, wird nun bald auch in Nutzfahrzeugen verfügbar sein. MAN sieht großes Potenzial darin, bestimmte Funktionen als Nachrüstlösung anzubieten. „Wir müssen natürlich auch an das zweite Leben eines Lkw denken“, sagt Pöppelmeyer und erklärt: „Wenn das Fahrzeug nach einigen Jahren verkauft wird, ändert sich eventuell auch der Einsatzzweck und damit die Bedürfnisse des Fahrers.“ Hat der Erstbesitzer im Mittelstreckenverkehr beispielsweise auf die Leerlaufabschaltung verzichtet, kann die Funktion für den Verteilerverkehr in der Stadt durchaus nützlich sein. Oder andersherum: War in einem Verteilerfahrzeug der GPS-gestützte Tempomat „MAN EfficientCruise“ nicht zwingend nötig, möchte der neue Betreiber im Mittelstreckenverkehr vielleicht nicht darauf verzichten. Die Anforderungen ändern sich, und die Technik lässt sich bald nahezu in Echtzeit anpassen. Etwa auch mit diversen Sprachpaketen für das Fahrzeugmenü – nützlich, wenn der Lkw ins Ausland verkauft wird oder der Unternehmer Fahrer aus unterschiedlichen Nationen beschäftigt.

Hilfreich bei der Entwicklung war der Austausch mit den Experten von Volkswagen: „Die Pkw-Kollegen sind uns etwas voraus, sie entwickeln ihre Produkte jedoch auch für andere Nutzungsszenarien. Individualisierung ist hier oft Lifestyle-getrieben, während in Nutzfahrzeugen die Funktion im harten Speditionsalltag im Vordergrund steht“, berichtet Pöppelmeyer.

Gerade bei der Erstellung des Security-Konzepts war der Austausch mit den Wolfsburger Kollegen von Vorteil. Im Bereich Sicherheit arbeiten zudem MAN und Scania eng zusammen. Ziel ist es, im Fahrzeug ein harmonisiertes Konzept zur Nutzung von Skaleneffekten umzusetzen, während Backend und IT auf die firmenspezifischen Prozesse zugeschnitten sind. „In den Entwicklungsteams arbeiten jeweils ein Software-Ingenieur und ein Fahrzeugentwickler gemeinsam an einem Projekt, etwa an einer Karten-Update-Funktion oder der Aktivierung“, sagt Pöppelmeyer. Dadurch lernen beide Seiten ständig hinzu.

Symbolbild der Vernetzungsmöglichkeiten
 Johannes Pöppelmeyer schaut aus dem Fenster eines LKWs

MAN-Entwicklungsingenieur Johannes Pöppelmeyer arbeitet im Projekt-Team an Software-Updates und Remote Diagnose.

„Das Herunterladen von Updates und das nachträgliche Aktivieren von Fahrzeug­funktionen wird für unsere Kunden schon bald Realität sein.“
Johannes Pöppelmeyer
Entwicklungsingenieur MAN

Service ohne Werkstattaufenthalt

Neben der Update-Funktion bietet die Telematikeinheit die Möglichkeit, eine Ferndiagnose durchzuführen. Alle Fehlercodes samt ihrer Historie sind in einer Web-Anwendung für die Vertragswerkstatt zu sehen. Bei der Fehleranalyse helfen künftig auch weitere Daten des Fahrzeugs, um das Problem möglichst eindeutig zu identifizieren: Temperaturverläufe von Öl und Kühlwasser, Anzahl der Schaltvorgänge, Fahrzeit im jeweiligen Gang und weitere Trenddaten geben Hinweise auf die Einsatzbedingungen des Fahrzeugs. Damit lässt sich das Fehlerbild gezielt eingrenzen und etwaige Reparaturen können optimal vorbereitet werden. Zudem können diese Daten für Predictive Maintenance genutzt werden, also ein vorausschauendes Wartungsmanagement. Wartungen werden zukünftig rechtzeitig durchgeführt, damit Fehler erst gar nicht auftreten.

Bei der zunehmenden Vernetzung kommt dem Security-Aspekt eine besondere Bedeutung zu. Durch immer mehr Software und permanente Onlineverbindung sind Fahrzeuge ein potenzielles Ziel für Cyberangriffe, ähnlich wie Betriebssysteme von Smartphones oder Computern. Im Rahmen des Störungs-Management wird es zukünftig möglich sein, ein entsprechendes Systemupdate aufzuspielen – ebenfalls ohne Werkstattaufenthalt.

Von 2020 an wird MAN erste Fahrzeuge auf die Straße bringen, die mobil updatefähig sind – auch um Felddaten für die Weiterentwicklung des Systems zu sammeln. Anfang 2021 werden dann auch die Kunden erste Nachrüstfunktionen als Upgrade bestellen können. Dank einheitlicher Elektrik- und Elektronik-Architektur werden die mobilen Updates und Funktionsfreischaltungen nicht nur in Lkw, sondern auch in MAN-Bussen möglich sein.