Einst für die Gaming-Branche entwickelt, ist Virtual Reality (VR) in der heutigen Arbeitswelt bereits fest verankert. In der TRATON GROUP wird VR von smarten Teamplayern vorangetrieben, die sich regelmäßig treffen und gemeinsam an Lösungen arbeiten. Drei Orte der virtuellen Zusammenarbeit.

Text: Nadine Hildebrandt

Das Smart Factory Lab von Scania

Langsam schließt Jim Tolman, die Virtual Reality-Brille vor den Augen, seine Hand mit dem „Haptic Glove“, einem speziellen Handschuh – noch in der Greifbewegung stoppt er plötzlich. Was man von außen nicht sieht: Der Spezialist für Mensch-Computer-Interaktion hat soeben einen virtuellen Schraubendreher in die Hand genommen. Was zunächst trivial klingt, ist eine kleine Techniksensation. Denn der mit Sensoren und kleinen Motoren ausgestattete Handschuh kann durch Rückkopplung eine Greifbewegung realitätsnah simulieren. Die Hand lässt sich nicht mehr weiter schließen. „Der Handschuh erweitert Virtual Reality um die Ebene der Haptik. Das eröffnet völlig neue Wege der Zusammenarbeit“, erklärt Jim Tolman. Neben der Simulation von Bewegungsabläufen in der Montage und der Prüfung von Bauteilen sei der Handschuh daher auch für Schulungen interessant. „Ein Trainer kann seinen Kollegen neue Montageabläufe oder Werkzeuge virtuell erklären, ohne selbst vor Ort zu sein. Das spart Zeit und Geld“, sagt Tolman.

Der Haptic Glove gehört zu den technischen Neuerungen im Smart Factory Lab von Scania in Södertälje. Virtual Reality ist dort ein Teilbereich – weitere Anwendungen sind zum Beispiel die Robotik oder der 3D-Druck. Die Mitarbeiter des Lab arbeiten an der Implementierung neuer Technologien in das Produktionssystem. Dafür kooperiert Scania mit Universitäten, Unternehmen und Start-ups. „Innovationen lassen sich nicht immer direkt 1:1 in die Praxis übernehmen. Sie müssen angepasst und integriert werden – eine Aufgabe für Forscher und Tüftler“, erläutert Franz A Waker, Leiter des Smart Factory Lab. Das Inhouse-Labor bietet dafür auf 450 Quadratmetern das passende Hightech-Equipment – und viel kreativen Freiraum. „Wir können unsere Ideen einbringen“, sagt Waker. „Dabei ist es wichtig, Dinge auch mal nach dem Trial-and-Error-Prinzip auf der Forschungsspielwiese auszuprobieren.“ Auf die Spielwiese möchten die Mitarbeiter des Smart Factory Lab in Zukunft auch Kollegen der anderen Marken innerhalb der TRATON GROUP einladen. „Dann wird unser internationales Team noch vielfältiger, der Erfahrungsaustausch noch intensiver“, freut sich Waker schon heute.

Haptic Glove bei Tests

Mensch-Maschine-Interaktion – Virtual Reality-Spezialist Jim Tolman testet den Haptic Glove bei Scania.

Karte von Schweden

Die CAVE von MAN

In der 46 Quadratmeter großen, abgedunkelten CAVE wartet auf die beiden Ingenieure Martin Raichl und Erkan Celik kein lebendiger Drache. Die CAVE ist ein virtuelles Arbeitslabor für den Vorserienbau von MAN am Standort München. Ausgestattet ist die Hightech-Kreativhöhle mit fünf Hochleistungsrechnern inklusive High-End-Grafikkarten, Infrarotkameras und Stereoprojektoren mit 2K-Bildauflösung für vier Großleinwände. Mit Hilfe dieser Power können die Experten das Innenleben eines Lkw, Busses oder Transporters im Maßstab 1:1 betrachten. „Das Besondere daran: Das Nutzfahrzeug, das wir uns hier im dreidimensionalen Raum ansehen, ist noch gar nicht gebaut“, erläutert Martin Raichl. Die in der CAVE im übertragenen Sinne zu bezwingenden Drachen sind Planungsirrtümer, welche die Experten bereits vor dem Bau eines ersten Prototypen erkennen. „So können im Vorfeld bis zu 50 Prozent möglicher Mängel ausfindig gemacht werden“, sagt Raichl.

Wie funktioniert das in der Praxis? Martin Raichl und Erkan Celik betreten dafür die CAVE und befinden sich in einer Welt, die das Ingenieur-Herz höherschlagen lässt: zahlreiche Bauteile und Leitungen, heute die eines Lkw. Mit Hilfe von 3D-Shutterbrille und Controller betrachten sie diesen von allen Seiten, analysieren ihn und simulieren Montagearbeiten. „Kannst du kurz prüfen, ob die Schraube hier später für den Monteur leicht zugänglich ist?“, fragt Martin Raichl seinen Kollegen. Dieser bewegt das Bauteil näher ran und schwingt den virtuellen Schraubendreher. „Ja, passt“, bestätigt Erkan Celik und erläutert: „Wir testen gemeinsam im Vorfeld auch Arbeitsabläufe und fragen uns: Können diese vom Mitarbeiter in der Montage später optimal durchgeführt werden?“ Was früher anhand von 2D-Plänen erfolgte, wird heute einfach durchgespielt und angepasst. „In der CAVE arbeiten wir mit Kollegen aus der Produktion, Entwicklung und After Sales eng zusammen – und das standortübergreifend“, so Celik. Weitere MAN-Labore befinden sich in Nürnberg, Steyr, Ankara und Starachowice.

Platzhalter Bild

In der CAVE – die beiden MAN-Ingenieure Erkan Celik (links) und Martin Raichl auf Fehlersuche.

Platzhalter Bild
„Virtual Reality entwickelt sich rasend schnell weiter. Wer hier nicht aufmerksam neue Entwicklungen verfolgt, der verliert schnell den Anschluss. Der gemeinsame Austausch zwischen Scania und MAN und die Kooperation sind unglaublich wertvoll.“
Boris Koller
MAN-IT-Experte
Platzhalter Bild
Platzhalter Bild

In Aktion – Sven Gaedtke und Boris Koller (links) bereiten schon mal eine virtuelle Szene vor.

Virtueller Raum

„Treffen wir uns gleich am Scania Citywide?“ Sven Gaedtke, Designer bei MAN, sitzt in seinem Münchner Büro, die Virtual Reality-Brille schon in der Hand. Sein Scania-Design-Kollege Jonas Forsberg befindet sich im 1.600 Kilometer entfernten Södertälje. Deswegen begegnen sich beide an dem Stadtbus im virtuellen Raum – oder genauer: ihre Avatare. Die beiden Designer arbeiten bereits seit mehreren Monaten im Rahmen eines Proof of Concept zusammen. Sie gehen der Frage nach, ob eine gemeinsame technische Lösung von MAN und Scania für den Einsatz von Virtual Reality im Design-Bereich machbar ist. Welche Tools sind nötig? Was für Möglichkeiten der Kollaboration bestehen? Heute ist die letzte Sitzung und der Proof of Concept erfolgreich abgeschlossen. „Uns Designer verbindet, dass wir die Dinge so sehen wollen, wie sie wirklich sind. Da lag die Zusammenarbeit nahe“, sagt Sven Gaedtke.

Der entscheidende Vorteil von Virtual Reality sei der 1:1-Maßstab. Zudem können Oberflächenstrukturen von Holz, Metall oder Plastik realitätsgetreu nachempfunden werden. Auch Anpassungen gingen schneller. Jonas Forsberg ergänzt: „Virtual Reality hebt die Kommunikation auf ein anderes Niveau. Ich sehe, wo Sven hinzeigt und hinsieht – nehme seine Gesten wahr. Das schafft eine völlig neue Art der Interaktion und eröffnet neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit.“ Hinter den Designern und dem Projekt steht ein ganzes Team aus IT, Design und Entwicklung. MAN-IT-Experte Boris Koller gehört dabei zum Kernteam. Ihn begeistert die markenübergreifende Zusammenarbeit: „Virtual Reality entwickelt sich rasend schnell weiter. Wer hier nicht aufmerksam neue Entwicklungen verfolgt, der verliert schnell den Anschluss. Der gemeinsame Austausch zwischen Scania und MAN und die Kooperation sind unglaublich wertvoll.“