Claes Erixon, CTO von Scania
Claes Erixon, CTO von Scania

Es ist Ende März und die dicke Schneedecke, die die noch immer winterstarre Umgebung bedeckt, funkelt wie abertausende Sterne. Obwohl der Himmel blau ist und die Sonne scheint, ist es bitterkalt. Ein Lkw nach dem anderen biegt auf den weitläufigen Parkplatz am Rande eines kleinen Ortes in Schweden ein – es ist der erste Halt der elf Busse und Lkw auf der Strecke der diesjährigen Wintertestfahrten mit den Entwicklungschefs der TRATON GROUP. Nachdem die Männer ihre Fahrzeuge verlassen haben, zieht es die Fahrer sofort zum MAN-Bus mit der Verpflegung und – noch wichtiger – mit dem heißen Kaffee. Bei minus 13 Grad ist das Heißgetränk mehr als willkommen. In kleinen Gruppen stehen die Teilnehmer zusammen, die dampfenden Tassen in den klammen Händen. Sie tauschen sich über die Fahrzeuge aus, mit denen sie gerade gefahren sind. Die Entwicklungsvorstände, die Chief Technical Officers, der TRATON Marken MAN, Scania, Volkswagen Caminhões e Ônibus sowie des Partners Navistar haben an diesem Tag die Möglichkeit, die neusten Modelle und technischen Innovationen ihrer eigenen Fahrzeuge und der anderen Marken zu testen. „Bei diesem Event geht es um mehrere Dinge“, sagt Claes Erixon, CTO von Scania. „Es geht zum einen darum, sich gegenseitig besser kennen zu lernen, weil das die Kooperation fördert. Zum anderen geht es darum – und das ist fast noch wichtiger – die Produkte aller Marken kennenzulernen.“

Nachdem sich die Testfahrer gestärkt haben, rollen die Lkw und Busse im Konvoi zurück auf die vereiste Straße. Die harsche Umgebung und – ein glücklicher Zufall  – das sonnige Wetter sind ideal, um das Verhalten der Fahrzeuge unter extremen Bedingungen zu testen. Nicht von ungefähr findet die Fahrveranstaltung von TRATON hier im nördlichen Schweden statt. Schließlich ist die Region für ihre zuverlässig harten Winter bekannt.
Das weniger als 100 Kilometer vom Polarkreis entfernte Gebiet ist ein Hotspot für viele Autobauer und Zulieferer, die hier ihre neuen Modelle und Entwicklungen testen. Während der Hochsaison – also von Januar bis März – verdoppelt sich die Einwohnerzahl. Nicht selten sind in der Gegend bis zu 3.000 Ingenieure von 30 verschiedenen Unternehmen zu Gast, um die verschneiten Straßen und vereisten Seen zu Teststrecken zu machen. Und das schon seit vielen Jahrzehnten.
Tatsächlich lässt sich die Geschichte der Wintererprobungen bis in die 70er Jahre zurückverfolgen, als die ersten Automobilhersteller auf den Seen Testfahrten machten. Während den Vorreitern nur recht beschränkte Ressourcen zur Verfügung standen, haben die Bewohner ihre Infrastruktur an die Nachfrage angepasst. Die Testfahrten sind heute eine der wichtigsten Einnahmequellen der Menschen in der unwirtlichen Region. Sie machen einen Großteil der lokalen Wirtschaft aus und bilden einen entscheidenden Teil in der Entwicklung zahlreicher Technologien der Automotive-Branche.

Anders Nielsen, CTO der TRATON GROUP
Anders Nielsen, CTO der TRATON GROUP

Auch MAN und Scania testen hier seit Jahren. Seit 2017 führen alle Marken der TRATON GROUP ihre Tests – von Kaltstarten bis zum Bremsverhalten – auf dem gleichen Gelände durch. Mehrere Monate dauern die Erprobungen, am Ende werden die Ergebnisse den Vorständen der TRATON GROUP präsentiert. „Für uns ist das eines der Highlights des Jahres. Wir erfahren die Ergebnisse und wissen, wo wir stehen. Aber es ist auch eine Gelegenheit, die monatelange harte Arbeit der Leute hier zu würdigen“, sagt der CTO der TRATON GROUP, Anders Nielsen. Und obwohl die Marken ihre Tests getrennt durchführen, ermöglicht das weitläufige Gelände und die Testwerkstatt den Austausch untereinander.

Eric Tech, Senior Vice President bei Navistar
Eric Tech, Senior Vice President bei Navistar

Das Probefahren der Technischen Vorstände dient einem ganz ähnlichen Zweck: Ideen auszutauschen und Synergien zu heben. „Es ist großartig, wenn man die Gelegenheit bekommt, die Produkte selbst auf der Straße zu erleben“, sagt Eric Tech, Senior Vice President bei Navistar. „Die Fahrzeuge unter diesen Bedingungen zu testen und die Unterschiede zwischen den Modellen zu erkennen – das ist schon etwas ganz Besonderes.“

Winterspiele
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Frederik Zohm, CTO von MAN Truck & Bus
Frederik Zohm, CTO von MAN Truck & Bus

Nach weiteren Stopps und Fahrzeugwechseln treffen sich die Teilnehmer am Abend im Hotel, um die heutigen Ergebnisse zu besprechen. Jeder Teilnehmer hatte zu Beginn der Veranstaltung ein iPad bekommen, um das Fahrerlebnis bewerten und Kommentare abgeben zu können. Konkurrenzdenken oder das ungerechtfertigte Loben der eigenen Produkte spielen hier keine Rolle. „Wir tauschen uns ganz offen zu den verschiedenen Lösungen aus und diskutieren darüber“, sagt Frederik Zohm, CTO von MAN Truck & Bus.

Rodrigo Chaves, CTO von Volkswagen Caminhões e Ônibus
Rodrigo Chaves, CTO von Volkswagen Caminhões e Ônibus

Die persönliche Erfahrung mit den Fahrzeugen eröffnet den Vorständen eine zusätzliche Ebene bei der Bewertung ihrer Technik – und das wiederum führt zu technischen Verbesserungsmöglichkeiten. „Wir lernen hier den Entwicklungsstand der neuen Produkte aus erster Hand kennen. So haben wir in der Diskussion mit den Entwicklern deutlich bessere Möglichkeiten, uns auszutauschen. Das stärkt auch den Teamgeist“, sagt Rodrigo Chaves, CTO von Volkswagen Caminhões e Ônibus.  Und das wiederum lässt die Vorfreude auf die Veranstaltung im kommenden Jahr wachsen.