Rund sieben Millionen Fahrzeuge quälen sich Tag für Tag durch die Straßenschluchten der Megametropole São Paulo – der Verkehr steht oft vor dem Kollaps, die Luft ist zum Schneiden dick. Werte um 150 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft sind die Regel, womit die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Maximalbelastung von 50 Mikrogramm um das Dreifache überschritten wird. In vielen anderen Großstädten Lateinamerikas ist die Situation ähnlich. Laut Schätzungen der Nichtregierungsorganisation „Clean Air Institute“ atmen über 100 Millionen Südamerikaner gesundheitsschädliche Luft, bei zunehmender Urbanisierung mit steigender Tendenz. „Die Luftverschmutzung wird für viele Länder in der Region mehr und mehr zum ernsten Problem“, sagt Leandro Pugliese de Siqueira, Head of Engineering bei Volkswagen Caminhões e Ônibus. Im Kampf gegen den Smog müssen umweltfreundliche Antriebe her: „Es gibt aber kein Allheilmittel, nur eine Kombination verschiedener Lösungen kann Abhilfe schaffen: Erneuerung des Fahrzeugbestandes, alternative Treibstoffe, Hybrid-Technologien und selbstverständlich Elektromobilität – das gilt auch für das Nutzfahrzeug-Segment.“

Konzernübergreifendes Projekt

Feierlich wurde der e-Delivery auf dem Innovation Day 2017 in Hamburg enthüllt.
Feierlich wurde der e-Delivery auf dem Innovation Day 2017 in Hamburg enthüllt.

So präsentierte Volkswagen Caminhões e Ônibus Anfang Oktober den Elektro-Truck e-Delivery. Das Fahrzeug basiert auf der zweiten Generation des konventionellen Verteiler-Lkw Delivery, dessen Vorgänger seit Jahrzehnten erfolgreich auf den südamerikanischen Märkten zum Einsatz kommt. Die völlig neu entwickelte Elektroversion tritt mit neun bis elf Tonnen Gesamtgewicht an und kann je nach Konfiguration 4,5 bis 6,7 Tonnen Nutzlast befördern. Damit die maximale Reichweite von 200 Kilometern immer erreicht wird, sind die Batteriepacks modular ausgeführt. Die Kapazitätsspanne liegt zwischen 80 und 170 kWh. Der innovative Elektro-Lkw wird zukünftig auch mit digitalen Diensten der TRATON Marke RIO bestellbar sein, was zusätzliche Effizienzgewinne ermöglicht. „Die Entwicklung des Delivery und seiner Elektroversion wurde zwar von Volkswagen Caminhões e Ônibus in Brasilien angestoßen, doch es hat sich schnell zu einem globalen Projekt von TRATON entwickelt. So haben uns zum Beispiel die Kollegen von Volkswagen Nutzfahrzeuge aus Hannover beim Design unterstützt. Auch MAN Truck & Bus hat wertvolle Erfahrungen mit uns geteilt“, sagt Siqueira in der Rückschau auf die rund vierjährige Entstehungsgeschichte.

Saubere Mobilität dank Wasserkraft

Ab 2020 wird der e-Truck „made in Brazil“ serienmäßig zu haben sein.
Ab 2020 wird der e-Truck „made in Brazil“ serienmäßig zu haben sein.

Nun leistet Volkswagen Caminhões e Ônibus mit dem e-Delivery wichtige Pionierarbeit beim Ausbau der Elektromobilität in den Städten Südamerikas. Bereits 2018 wird eine Pilotflotte an einen Testkunden ausgeliefert. Ab 2020 wird das Fahrzeug dann serienmäßig zu haben sein. Siqueira blickt zuversichtlich in diese nahe Zukunft: „Noch mangelt es vielerorts an der nötigen Infrastruktur für E-Fahrzeuge, doch das dürfte sich schon bald ändern, denn viele Länder Lateinamerikas verfügen über sehr viel Strom aus regenerativen Quellen. Kolumbien und Brasilien decken rund 70 Prozent des Energiebedarfs mit Wasserkraft ab. Da bietet sich Elektromobilität natürlich an, um des Smogs endlich Herr zu werden – ohne den CO₂-Ausstoß durch fossile Kraftwerke zu erhöhen.“ Dabei ist der e-Delivery nicht allein auf die Bedürfnisse Südamerikas ausgelegt, in über 30 Ländern soll er weltweit Kunden finden. „Es besteht sogar eine große Chance, das Fahrzeug auch in Europa zu sehen“, verriet TRATON CEO Andreas Renschler bei der Präsentation des neuen Fahrzeugs „made in Brazil“. Ein wichtiger Beitrag für bessere Luft in den Metropolen der Welt.

  1. Herr Kirzinger, Sie haben von Hannover aus an der Entwicklung des e-Delivery mitgewirkt. Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit den brasilianischen Kollegen beschreiben?

    Die Vorgänger-Baureihe des neuen Delivery von Volkswagen Caminhões e Ônibus war bereits ein sehr gutes Fahrzeug. Damit standen wir beim Projektstart vor einer besonderen Herausforderung: Wie können wir einen sehr guten leichten Lkw für aufstrebende Märkte noch besser machen? In dieser Zeit haben wir bei Volkswagen den Crafter entwickelt, der kürzlich zum „International Van of the Year 2017“ erkoren wurde. So kamen viele der Innovationen, die beim Crafter eingeflossen sind, auch beim e-Delivery zum Einsatz. Beide Projekte haben sich befruchtet und teilen gemeinsame Design-Eigenschaften, vor allem bei der Kabine. Damit profitiert Volkswagen Caminhões e Ônibus auch von der Erfahrung und Expertise von TRATON.

  2. Den Volkswagen Crafter gibt es auch als Elektro-Version, die ab Ende 2017 in Europa verfügbar ist. Haben Sie bei der Entwicklung des e-Delivery auf Synergien mit den brasilianischen Kollegen gesetzt?

    Durchaus: Allerdings verfügt der Volkswagen e-Crafter über einen anderen elektrischen Antriebsstrang als der e-Delivery. Das ist den Marktbedingungen geschuldet. Kunden in aufstrebenden Ländern betrachten die Anschaffungskosten eines Elektrofahrzeugs sehr kritisch. Deshalb musste Volkswagen Caminhões e Ônibus eine Lösung entwickeln, die auf diesen Märkten auch Abnehmer findet.

  3. Werden wir den e-Delivery dennoch auch auf europäischen Straßen sehen?

    Theoretisch wäre das durchaus denkbar. Wir wollten mit dem e-Delivery einen Lkw entwickeln, der perspektivisch auch in Industrieländern angeboten werden könnte. So erfüllt der e-Delivery zum Beispiel alle rechtlichen Anforderungen die in Europa gelten.

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