Das Szenario klingt nach Science-Fiction: In einer Tagebau-Mine rollen mehrere fahrerlose Lkw wie an der Perlenkette aufgezogen auf genau definierten Routen. Bagger beladen die Transporter, die den Aushub und das Erz zur Verladestation transportieren. An der Rampe rangieren die Trucks in die exakt vorgegebene Position.

Sobald ein Lkw entladen ist, begibt er sich in eine Art Stand-by-Modus und wartet auf den nächsten Auftrag. Der muss aber nicht erst neu programmiert werden. Im Gegenteil. Am Rand der gewaltigen Grube sitzt ein Supervisor im Kontrollzentrum und überwacht die im Vorfeld definierten Routen und Abläufe. Dort geht das Signal ein, dass unser Fahrzeug wieder „aufnahmebereit“ ist. Er bekommt einen neuen Auftrag zugewiesen, den er – automatisch – absolviert. Gibt’s nicht? Gibt es doch.

Der autonome Scania R 450 auf dem Innovation Day 2016 in Hamburg.
Der autonome Scania R 450 auf dem Innovation Day 2016 in Hamburg.

Dank des R 450 der TRATON Marke Scania. Der Mining Truck R 450 ist bereits die vierte Generation von autonom fahrenden Lastwagen des schwedischen Herstellers. Und kein anderer Lkw auf dem Markt hat eine so umfassende Ausstattung mit Sensoren und Kameras, Radar und Kontrollsystemen verpasst bekommen. Dieses Elektronikpaket erlaubt es dem Fahrzeug, auf exakt definierten Routen zu fahren, Hindernisse selbstständig zu erkennen und zu umfahren und einzelne Aufträge, man spricht hier von „Missions“ zu erledigen.

Die Schlüsseltechnologie steckt in der On-Board-Steuereinheit. Dort laufen alle Daten zusammen: die Messergebnisse der zahlreichen Sensoren, die Daten der Radarsysteme, die Bilder der Kamera und die Positionsdaten aus dem GPS. Sie werden laufend mit dem vorher definierten Auftrag abgeglichen. Überwacht wird die Funktion von einer externen Position aus, vom Control-Center.

Von dort aus wird das gesamte System gesteuert. Wie viel Ladung soll transportiert werden? Wohin soll der Truck fahren? Wie schnell soll die „Mission“ beendet sein? All diese Parameter werden an dieser Stelle laufend überwacht und automatisch koordiniert.

 

Tom Nyström, Scania

„Der Lkw sucht eigenständig nach einer Lösung, um seine Mission zu erfüllen, nur im Bedarfsfall wird der Operator im Kontrollzentrum informiert.“

Tom Nyström, Scania

Scania hat den ersten vollautonomen Kipper im November 2017 an eine Tagebau-Mine ausgeliefert. Ingenieur Tom Nyström schildert die Vorzüge der Technologie: „Die Minen-Lkw sind intelligente Fahrzeuge, sie kommunizieren untereinander und sind in der Lage, den besten Weg selbstständig zu erkennen. Hindernisse werden vom System erkannt. Der Lkw sucht eigenständig nach einer Lösung, um seine Mission zu erfüllen, nur im Bedarfsfall wird der Operator im Kontrollzentrum informiert.“ Tagebau-Minen eignen sich bestens für die Einführung und Erprobung von autonomen Lkw: „Die Automatisierung wird zunächst bei industriellen Anwendung wie im Bergbau zum Einsatz kommen, denn dort ist der automatisierte Betrieb von Fahrzeugen vom Gesetzgeber oftmals bereits erlaubt“, erläutert Nyström. Bei Lkw-Platoons auf öffentlichen Straßen ist die rechtliche Situation zum Beispiel eine andere. Hier fahren die teilautonomen Trucks von Scania und MAN im Testbetrieb noch mit Sondergenehmigungen. Aber Tom Nyström ist optimistisch: „Es wird noch einige Zeit dauern, aber letztlich wird sich dieser technologische Sprung gesellschaftlich durchsetzen, denn die Vorteile für die Verkehrssicherheit und Umwelt liegen auf der Hand.“

In der Zukunft könnten Scania Fahrzeuge wie hier durch Baustellen fahren und ferngesteuert Transportgut übernehmen.
In der Zukunft könnten Scania Fahrzeuge wie hier durch Baustellen fahren und ferngesteuert Transportgut übernehmen.

Bedeutet diese Entwicklung nun das schleichende Aus für einen etablierten Berufsstand? Experten sagen: definitiv nicht. Das Berufsbild – insbesondere im Fernverkehr – wird sich in Zukunft einfach ändern. Je autonomer das Fahrzeug unterwegs ist, desto mehr anderen Tätigkeiten kann sich der Fahrer zuwenden. Wenn er nicht lenkt, übernimmt er beispielsweise logistische Aufgaben. Auch fachfremde Tätigkeiten sind möglich, wodurch der Beruf des Lkw-Fahrers auch für jüngere Personen attraktiver werden kann. Das ist besonders hinsichtlich des sich verschärfenden Fahrermangels wichtig. Die Zukunft des Transportwesens geht also nur über die Automatisierung – in einer Tagebau-Mine hat sie gerade schon begonnen.